Nawalny, Nowitschok, Nord Stream 2 - Versuch der Analyse einer Nebelwand

Es hat den Anschein - zumindest habe ich den Eindruck -, als erwartete die eine oder der andere, dass ich mich zur Causa Nawalny äußere. Muss ich das? Nein, muss ich eigentlich nicht, denn mein Faible für Russland bezieht sich auf dessen Kultur und Geschichte - und nicht auf die russische Tagespolitik, weil es für mich als Deutschen ungefähr 27 Millionen gute Gründe gibt, mich mit deren Bewertung zurückzuhalten. Ich tue es ausnahmsweise in diesem Fall dennoch, um um auf einige Tatsachen hinzuweisen, die in der Berichterstattung der Leit- und Qualitätsmedien wenn überhaupt, dann nur am Rande und in Fußnoten Erwähnung finden.

Der Text wurde korrigiert und ergänzt - ein aufmerksamer Leser, dem an dieser Stelle für seine Mühe gedankt sei, wies mich auf einige Fehler hin, mehr dazu hier.

Die ganze Angelegenheit ist ein seltsames, aber strategisch logisches Gespinst aus politischen Interessen und den daraus resultierenden Intrigen einerseits und teils an blanke Idiotie grenzenden "Informationen" in den westlichen Leit- und Qualitätsmedien andererseits. Deshalb unterteile ich meinen Text in drei Kapitel. Im ersten Teil gehe ich der Frage nach, wer dieser Nawalny eigentlich ist und was er tut, das zweite Kapitel erörtert das Thema Nowitschok und die Frage, womit das geschehen sein könnte, wenn Nawalny tatsächlich vergiftet wurde. Im dritten Teil gehe ich der Frage nach, warum das geschehen sein könnte, falls Nawalny vergiftet wurde, und wer ein Interesse an der dramatischen Zuspitzung der Lage haben könnte.
Methodische Anmerkung - ich zitiere ganz bewusst nicht aus russischen Quellen, die hierzulande als "staatsnah" bezeichnet werden, wie TV 1, RT oder Sputnik, sondern ausschließlich aus russischen Quellen, die sich selbst als unabhängig (RBK), kritisch und/oder oppositionell definieren. Nicht, dass ich TV 1, RT oder Sputnik grundsätzlich nicht vertraue - es ist eine prophylaktische Maßnahme. Ich lasse diese Medien deshalb außen vor, weil deren Zitation als positiv belegende oder beweisende Quelle hierzulande als Ausschlusskriterium aus dem erlauchten Kreis "seriöser" Darstellungen gilt.

Zunächst einige Anmerkungen zur Person und zu den Aktivitäten Nawalnys. Käme hierzulande jemand, der noch alle Latten am Zaun hat, Leute wie Andreas Kalbitz, Nikolai "Volkslehrer" Nerling oder André Poggenburg mit nachgerade heiligem Ernst als "Oppostionspolitiker" zu bezeichnen? Natürlich nicht, aber hier geht es schließlich gegen Putin und deshalb ist der Ultranationalist und - nach hiesigen Maßstäben - Rechtsextremist Nawalny trotz dieser Ausschlusskriterien ein "Oppositionspolitiker". Um so erstaunlicher ist, dass die Politik hierzulande - vornweg der translatlantische Lobby- und Vasallenverein "Bündnis 90/Die Grünen", dicht gefolgt von der SPD, die mit Schröders Engagement für Gazprom von einer Art Rechtfertigungskomplex besessen zu sein scheint - ihr Herz für einen ausgewiesenen Rechtsextremisten - mittlerweile in der Öffentlichkeit "nur" noch Rechtspopulist - entdeckt hat.

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Nawalny war - gemeinsam mit Dmitri Djomuschkin - Mitorganisator und prominentester Kopf des Russischer Marsches, einer seit 2005 jährlich am 4. November stattfindenden Demonstration. Der 4. November ist der Tag der Einheit des Volkes, ein gesetzlicher Feiertag. [1 Quelle] Dmitri Djomuschkin ist der Gründer und war der Anführer der mittlerweile verbotenen Славянский Союз (Slawische Union, was ihr das russische Kürzel СС ermöglichte, also SS - in bewusster Anlehnung an die Waffen-SS, ihre Anhänger haben sich nach dem Verbot der Partei als "Die Russen" neu formiert). Die Märsche finden bis dato mit insgesamt einigen tausend Teilnehmern in verschiedenen russischen Großstädten statt, beteiligte Gruppen sind beispielsweise die Bewegung gegen illegale Migration, die Nationale Souveränitäts-Partei Russlands, die National-patriotische Front Pamjat, die Russische Volksunion, die Bewegung Russische Ordnung, die Russische Reichsbewegung und andere Gruppen dieser Gesinnung, was die Veranstaltung zu Aufmärschen erzkonservativer Christen, radikaler Monarchisten (auf den Bildern zu erkennen an den Romanow-Flaggen in Schwarz, Gold und Weiß, die Alexander II. als Staatsflagge einführte und Alexander III. zugunsten der Trikolore in Weiß, Blau und Rot wieder abschaffte), Stalinisten, Nationalisten, Skinheads und Faschisten macht, unter die sich auch Neonazis mischen, mittlerweile nur noch in stilisierten bzw. dem Original nachempfundenen und nicht mehr in originalen SS-Uniformen wie anfangs. [2 Quellen]
Der "Oppositionspolitiker" Nawalny findet bis heute, dass man das nicht so eng sehen solle, man solle Demonstranten, die den Hitlergruß zeigten, nicht einfach als Rechtsextremisten abstempeln, das seien doch ganz normale Leute. Um das zu illustrieren, habe ich für die Collage unten, die auch Nawalny beim Plausch mit dem Nazi Djomuschkin zeigt, nur moderate Bilder gewählt - ursprünglich, um einer etwaigen Sperre bei Facebook, dem Ort der Erstveröffentlichung des Textes in drei Teilen, wegen Verstoßes gegen die Communityrichtlinien vorzubeugen. Ich habe dort noch immer eine offene Verwarnung wegen der Verbreitung von "Hass und Hetze", was so aussieht (Screenshot), es ging um dieses Video. Wer sich ein komplettes Bild von der Art und den Teilnehmern dieser Märsche machen will, kann das mit diesem Link zur Bildersuche bei Google tun (URL-Shortener): https://bit.ly/3mCgQ7H

Nawalny war schon immer ein Freund deutlicher Worte und so befand er in seinem - Oh Wunder! - kürzlich deaktivierten Blog: »Меня категорически не устраивает, что по Москве бегают какие-то басмачи и стреляя из автоматов.« (Ich bin kategorisch damit unzufrieden, dass einige Basmatschi durch Moskau rennen und mit Maschinengewehren schießen. Der Begriff басмачи bedeutet Banditen, Räuber und geht zurück auf eine gleichnamige Widerstandsbewegung gegen die allgemeine Mobilmachung von 1916, die von da ab auch für die mittelasiatischen Turkvölker im Russischen Reich galt, später kämpften die Basmatschi bis zu ihrer Niederschlagung durch die Rote Armee im Jahr 1924 - teils auf der Seite der Weißen Garden - gegen die Bolschewiki. Heute ist der Topos das rassistische Synonym, quasi das N-Wort, für Angehörige dieser turkstämmigen Volksgruppen.) Er führte weiterhin aus: »Die gesamte nordkaukasische Gesellschaft und ihre Eliten teilen den Wunsch, wie Vieh zu leben. Wir können nicht normal mit diesen Völkern koexistieren.« [3 Quelle] Nawalny hat die seiner Meinung nach angemessene Vorgehensweise gegen diese Leute in einem kleinen Video näher erläutert. »He has appeared as a speaker alongside neo-Nazis and skinheads, and once starred in a video that compares dark-skinned Caucasus militants to cockroaches. While cockroaches can be killed with a slipper, he says that in the case of humans, "I recommend a pistol."« (The New York Times, 09.12.2011) [4 Quelle ], [5 Quelle]

Nawalny, Nazis, Russischer Marsch

Seit 2014 hält Nawalny sich vom Russischen Marsch fern, aber nicht, weil er sich eines Besseren besonnen hätte, sondern er wollte, so äußerte er sich gegenüber der BBC, verhindern, dass die Aufmerksamkeit um seine Person und die Versuche, ihn zu diskreditieren, den Russischen Marsch insgesamt in Verruf brächten. »Ich unterstütze immer noch den Russischen Marsch als eine Idee und als Veranstaltungsformat, ich bin bereit, Informationen zu verbreiten oder anders zu unterstützen, aber in der neuen Situation kann ich selbst nicht teilnehmen« sagte er der BBC. Zwar nimmt Nawalny aus taktischen Gründen nicht mehr selbst an den Russischen Märschen teil, gleichwohl ruft er bis heute seine Anhänger öffentlich dazu auf, das zu tun. [6 Quellen]

In den letzten Jahren änderte Nawalny seine Taktik, so verwendet er nicht mehr die Devise der Russischen Märsche »Russland den Russen«, sondern das Motto »Russland den Bürgern Russlands«. Gleichwohl ist der Russische Marsch für ihn eine »normale Prozession konservativer Bürger«. Nawalnys Taktik, sich bürgerlich-konservativ zu geben und gleichzeitig auf eine nationalistische, im Wortsinn reaktionäre oder auch faschistische Klientel zu zählen und um ihre Stimmen zu buhlen, gilt hierzulande eigentlich als Ausschlusskriterium von den demokratisch-zivilgesellschaftlichen Stammtischen - zumindest, wenn diese Taktiker Kalbitz oder Höcke heißen. Aber hier geht es, wie gesagt, schließlich gegen Putin - und den Liberalisten und Globalisten des Wertewestens ist alles opportun, wenn es gegen Putin geht.

In Russland ist der Begriff "konservativ" noch schwerer zu fassen und zu definieren als hierzulande, weil es dort keine historische Linie des Konservatismus gibt. Es gab in der Geschichte des Russischen Reiches - bis auf wenige, individuelle Ausnahmen wie Alexander Fjodorowitsch Kerenski - nie eine bürgerliche, parlamentarisch wirkende Schicht von signifikanter Größe, in der sich ein konservatives Weltbild hätte entwickeln können, was ebenso für ein liberales Weltbild gilt. Unter anderem deshalb, weil der Begriff in Russland in Ermangelung eines historischen Kontextes de facto beliebig besetzbar ist, versammeln sich unter dem Topos "konservativ" radikale Orthodoxe, die am liebsten immer noch (oder wieder) Altgläubige hinrichten würden und alle Heiden sowieso [7 Hinweise], Monarchisten, Ultranationalisten, Leninisten und Stalinisten (was sich überschneiden kann, aber nicht muss), Breschnewisten und eben auch Neofaschisten und Neonazis. Im Grunde ist Nawalnys Klientel, seine von ihm umworbene Ziel- und Wählergruppe, das russische Pendant zum deutschen Wutbürger, allerdings um einige Nuancen radikaler als die Lappen, wie sie beispielsweise am 29. August 2020 in Berlin-Mitte herumlungerten. Nichtsdestotrotz haben die deutschen Leit- und Qualitätsmedien und ähnlich orientierte Publikationen in der anglosphärischen Welt Nawalny in den letzten Jahre sukzessive zum Demokraten weißgewaschen und der US-Außenminister Pompeo adelte Nawalny am 11.09.2020 zum "Dissidenten". Der Spiegel hat in der Ausgabe 36/2020 ein ganzes Feature veröffentlicht, das Nawalny gar zum "Oppositionsführer" ernennt und seine demokratischen Qualitäten rühmt. Ja, darauf hat der Russe gewartet - dass Deutsche einen der ihren zum фюрер ernennen. [8 Quelle], [9 Quelle], [10 Quellen]

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Wie bei allen Wutbürgern der Welt ist auch bei den russischen Exemplaren neben diversen Verschwörungsvermutungen die Korruption beziehungsweise die Korrumpierbarkeit der Eliten - oder was immer man dafür hält - ein Top-Thema. Daraus ergibt sich das so wohl nur in Russland existente Phänomen, dass einschlägig vorbestrafte Wirtschaftskriminelle wie Chodorkowski und eben Nawalny sich nach dem abrupten Ende ihrer Wirtschaftskarriere der "Korruptionsbekämpfung" widmen. »As Khodorkovsky got richer and richer, he left a longer and longer trail of defrauded Western investors, and the odd dead body, in his wake.« (The Sunday Telegraph, 25.07.2004) Nawalny hatte ein trickreiches Über-Bande-Geschäft mit zypriotischen Offshore-Firmen im Transportgewerbe aufgezogen, mit dem er dem Kosmetikhersteller Yves Rocher Dienstleistungen zu einem überteuerten Preis verkaufte, das nebenher der Steuervermeidung diente und das de facto Geldwäsche betrieb. Im Westen hielt man das Ende 2014 verkündete Urteil gegen Nawalny (dreieinhalb Jahre Haftstrafe auf Bewährung) und seinen Bruder Oleg (dreieinhalb Jahre Haftstrafe ohne Bewährung) für politisch motiviert und deshalb willkürlich, Rocher hingegen sah das anders. Im Gegensatz zu Chodorkowski war Nawalny als Korruptionsforscher einerseits recht erfolgreich, was ihm dadurch gelang, dass er über den Erwerb jeweils einiger Aktien zum Minderheitsaktionär mehrerer, wie es hierzulande gerne formuliert wird, "staatsnaher" oder größtenteils "staatseigener" Betriebe wurde und damit das Recht hatte, die Offenlegung der Tätigkeiten der Gesellschaftsleitung zu verlangen. So läuft das halt in autoritären Regimes - da wird der "Oppostionspolitiker" Aktionär von Staatsbetrieben, veröffentlicht - ohne Konsequenzen für ihn selbst - interne Geschäftspapiere und verklagt die Geschäftsführer, und zwar in 45 von 75 Fällen erfolgreich. [11 Quelle] Andererseits scheint es so, als wären in den letzten Jahren dem Nawalny die Aktien oder die Staatsbetriebe ausgegangen, denn er verlegte sich auf das Überfliegen von Grundstücken der Eliten mit Kamera-Drohnen und auf die Veröffentlichung der Videos. Deshalb wissen wir jetzt, dass selbst das Federvieh in Medwedews Ententeich durch und durch korrupt ist, weil es sich ein eigenes дом уточки, ein Entenhaus, leisten kann. Das gilt hierzulande als lobenswerte Oppositionstätigkeit, gleichwohl hier die Veröffentlichung solcher Drohnenaufnahmen von eingehegten Privatgrundstücken unter Strafe steht - was man seitens der hiesigen Politik und der Leit- und Qualitätsmedien nicht so eng sieht, solange es gegen Putins Eliten geht.

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Was tut Nawalny in den letzten Jahren, das ihn so interessant für den Westen macht? Man stelle sich das folgende, hypothetische Szenario vor: Das russische Verteidigungsministerium gründet und finanziert einen Think-Tank. Dieser Think-Tank lässt eine App, eine Applikation für Smartphones, in deutscher Sprache entwickeln und stellt die dafür notwendige Hardware (Netzserver) in Russland zur Verfügung. Björn Höcke ist der nominelle Betreiber dieser App, die kostenlos in Apples App Store und bei Google Play heruntergeladen und auf den Smartphones installiert werden kann. (Ein besseres, in Deutschland ähnlich populäres und zugleich in puncto Ideologie Nawalny ähnlicheres Beispiel fiel mir nicht ein, auch wenn Höcke in Sachen Charisma und Eloquenz Lichtjahre hinter Nawalny rangiert.) Diese App stellt ihren Nutzern aus einer Auswahl "oppositioneller" Parteien und Gruppen jedweder Ideologie und Zielstellung - für hiesige Verhältnisse also beispielsweise für AFD, NPD, MLPD, KPD Ost, Die Rechte, Der III. Weg, Partei Bibeltreuer Christen (jetzt Bündnis C), Sozialistische Gleichheitspartei, Aufbruch deutscher Patrioten und ähnliche - für alle Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen die jeweils aussichtsreichsten Kandidaten gegen die Kandidaten der, wie Höcke und Nawalny es nennen, "Systemparteien" zur Verfügung. Zu diesem Zweck werden alle verfügbaren öffentlichen Umfragen ausgewertet und mit Hilfe vor Ort aktiver Helfer selbst erstellt. Das alles wäre, wie gesagt, erdacht, gegründet und finanziert vom russischen Verteidigungsministerium. Man stelle sich die Reaktionen der Bundesregierung und der deutschen, in den Parlamenten vertretenen Politiker vor!

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Abwegig, irre? Letzteres sicher, aber abwegig keineswegs, denn exakt das tun das britische Verteidigungsministerium, die NATO und das US-Außenministerium. Am 13.09.2020 veröffentlichte der Tagesspiegel einen Artikel "Klug wählen gegen den Kreml", darin ist dies zu lesen: »"Kluge Abstimmung" nennt Nawalny seine Wahltaktik. Eine eigene "Smart Voting App" und eine Webseite wurden von Nawalny gestartet - wahlkreisbezogen gibt diese Empfehlungen, welche Oppositionskandidaten die besten Chancen haben, die Vertreter der Regierungspartei zu verdrängen.« [12 Quellen] Nun wissen wir spätestens seit der sogenannten Corona-Warn-App, wie schwierig es ist, eine Applikation zu programmieren und zum Laufen zu bringen, die große Datenmengen synchronisieren und zeitnah analysieren soll - und die stammt immerhin von SAP und der Deutschen Telekom. Das bedarf schon echter Profis - besserer als die von SAP und Telekom - und eine Menge Geld. 2009 wurde das zunächst in Fife (Schottland), nun in London ansässige Institute for Statecraft (IfS) als NGO gegründet, das sich unter anderem "der Stärkung der nationalen Sicherheit" widmet. Finanziert wird das IfS von der britischen Regierung mittlerweile aus dem Conflict, Stability and Security Fund, einem Fonds innerhalb von Official Development Assistance, weitere Finanziers sind neben dem britischen Verteidigungsministerium die NATO, das litauische Verteidigungsministerium, das US-Außenministerium und Facebook. [13 Quelle] Am Rande angemerkt - es ist schon ebenso bemerkenswert wie erstaunlich, dass dem Wertewesten eine fast komplett staatsfinanzierte Organisation als NGO durchgeht, während eine russische NGO diesen Status schon verspielt hat und als "kremlnah" gilt, wenn irgendeine staatliche Autorität oder ein Duma-Abgeordneter vor ihrer Tür einen Furz gelassen hat.

Aber zurück zu Nawalny - innerhalb des IfS wurde 2015 die Integrity Initiative gegründet mit der Aufgabe, "gegen Propaganda, Desinformation und Fake News vorzugehen, wobei der Schwerpunkt auf der Bekämpfung des russischen Einflusses liege". [14 Quellen] Diese Integrity Initiative steht logistisch und finanziell hinter Nawalnys "Smart Voting App". Für Nawalnys Einsatz gibt es zwei Organisationen, das als Stiftung gegründete Команда ФБК sowie der mehr oder weniger lockere Zusammenschluss, der auf lokaler und regionaler Ebene unter dem Namen Команда Навального agiert und in denen Nawalnys Helfer vor Wahlen aktiv sind, unter anderem zur Popularisierung der "Smart Voting App". [15 Erläuterungen] Bisher war die App nicht sonderlich erfolgreich, aber anlässlich der Regionalwahlen in der Föderation für elf Regionalparlamente, 18 Gouverneursposten und 22 Stadträte am 12. und 13. September 2020 zeigte das Wahlergebnis in Tomsk, in der Stadt, in der Nawalny am 20. August 2020 vergiftet worden sein soll, aber dass sie funktionieren kann - womit ich bei der Frage "Cui bono" wäre.
Am Rande - nicht, dass das Tomsker Wahlergebnis von außerordentlicher Dramatik wäre oder dass dort jetzt ein Nazi im Stadtrat säße - keineswegs, ins Tomsker Rathaus eingezogen ist diese sympathische, junge Frau:
https://www.facebook.com/fadeevaksusha

Der erste Teil meiner kleinen Erörterung zur Causa Nawalny ist eine deskriptive Sammlung bekannter Fakten, also eine reine Recherchearbeit mit einer Prise wertender Urteile meinerseits. Im zweiten Teil widme ich mich den Thema Nowitschok und formuliere Fragen, die sich aus dem Geschehen und den Medienberichten ergeben. Der nun folgende Teil ist - neben den deskriptiv-erörternden Teilen insbesondere in der Formulierung der Fragen - implizit hypothetischer Natur im allgemein zu verstehenden Sinn. Das heißt, ich formuliere anhand öffentlich zugänglicher Indizien Vermutungen, deren Gültigkeit zwar möglich und plausibel, aber nicht bewiesen ist, wobei ich mich bemühe, die Bedingungen zu formulieren, unter denen diese Vermutungen gültig sind. Diese Vorgehensweise ist völlig in Ordnung, sofern man Hypothesen als solche ausweist - was ich hiermit tue - und nicht als "Wahrheit" deklariert, was in den Leit- und Qualitätsmedien üblich geworden und in den sogenannten Alternativmedien leider - bis auf wenige Ausnahmen - die Regel ist. Die Causa Nawalny ist ein gleichermaßen beeindruckendes wie deprimierendes Beispiel für beide Phänomene.

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Nowitschok (новичок), oft - auch in Wikipedia - falsch als "Neuling" übersetzt [16 Anmerkung, Quelle], ist die Bezeichnung für eine Gruppe stark und extrem schnell wirksamer Nervengifte, die ab den 1970er Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurden. Die Nowitschok-Gruppen werden nach ihrem Entwicklungsstand in Klassen unterteilt, Wladimir Uglev, einem der Entwickler, zufolge in Russland in A-1972, B-1976, C-1976 und D-1980, im Westen in A-230, A-232, A-234 und A-242. A-234 ist dasjenige, mit dem Skripal vergiftet worden sein soll, es ist hochtoxisch. Wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit handelt es sich bei Giften der Nowitschok-Gruppen ab A-234 um binäre Kampfstoffe, die - im Gegensatz zu unitären Kampfstoffen - als zwei oder mehr, im Vergleich zum Endstoff relativ ungefährliche Substanzen voneinander getrennt gelagert werden. Der eigentliche Kampfstoff entsteht durch Vermischen der Komponenten. [17 Quellen]

Die mittlere tödliche Dosis von Nowitschok soll bei Hautkontakt für einen erwachsenen, gesunden Mann von ungefähr 80 Kilogramm Gewicht bei etwa einem Milligramm liegen. »No certain data on toxicity exist but it is estimated that the median lethal concentration of A-234 is 7 mg/m3. This means that half of 70 kg men under slight physical activity – breathing 15 litres of air per minute – would die within two minutes of exposure. This equates to median lethal dose of 0.2 mg via respiration.« [18 Quelle, Übersetzung] Allerdings sind die Aussagen über die Toxizität von Nowitschok der neueren Gruppen ab A-232 unterschiedlich, etliche Wissenschaftler setzen höhere Werte als das oben zitierte eine Milligramm an. Tatsache ist, dass die Gifte der Gruppen ab A-232 die stärksten, bekannten Nervengifte sind.

Kurz zur Chemie, Hinweise zu ausführlicheren Darstellungen sind unter Fußnoten [17] und [19] zu finden. Einer der wichtigsten Neurotransmitter in vielen Organismen, so auch im Menschen, ist Acetylcholin. Es findet sich sowohl im zentralen als auch peripheren Nervensystem und vermittelt - stark verkürzt dargestellt - die Signalübertragung der Neuronen auf die Endorgane. Im Alltag merken wir das, ohne es zu wissen, tagtäglich beim Aufwachen, bei der Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit sowie beim Lernen und dem Bilden von Erinnerungen. In der Natur findet sich Acetylcholin in Tier- und Pflanzengiften, zum Beispiel im Gift der Hornisse und in Brennnesseln. Cholinesterasen sind Enzyme, die Cholin-Ester wie eben Acetylcholin spalten (hydrolisieren) und im Stoffwechsel von vielzelligen Tieren unverzichtbar zum Abbau insbesondere des Acetylcholins sind. Cholinesteraseinhibitoren, also Cholinesterasehemmer, erhöhen die Konzentration von Acetylcholin sowohl an neuromuskulären Synapsen von Muskelzellen als auch im vegetativen Nervensystem.

Cholinesteraseinhibitoren finden sowohl in der Medizin als auch in der Land- und Forstwirtschaft. In der Medizin kommen sie beispielsweise als Neostigmin am Ende einer Narkose zur Aufhebung der Wirkung von Muskelrelaxanzien oder als verschiedene Medikamente zur symptomatischen Behandlung von Alzheimer zur Anwendung. In Bioziden für die Land- und Forstwirtschaft werden sie als hochwirksame Biozide hauptsächlich zur Schädlingsbekämpfung als umweltflüchtige Alternative zu chlorierten Kohlenwasserstoffen eingesetzt, weil letztere in der Umwelt verbleiben.

Nervengifte als chemische Kampfstoffe sind ebenfalls Cholinesteraseinhibitoren, denen gemeinsam ist, dass sie Phosphorsäureester oder Organophosphorverbindungen sind. Diese Verbindungen im weiteren Sinne sind organische Verbindungen, die Phosphor enthalten und für den Menschen extrem toxisch sind. Die Kampfstoffe Sarin, Tabun, VX und eben auch die Stoffe der Nowitschok-Gruppen sind Organophosphorverbindungen. Entdecker beziehungsweise Entwickler dieser Stoffe war der deutsche Chemiker Gerhard Schrader, der im Zuge seiner Insektizidforschung zur Entwicklung importunabhängiger Pflanzenschutzmittel für die I.G. Farben in Leverkusen im Jahr 1936 die später als Kampfstoff Tabun genannte Verbindung synthetisierte und eher zufällig durch einen Laborunfall deren extreme Giftigkeit am eigenen Leib erfuhr. 1939 synthetisierte Schrader Sarin und das dritte deutsche Produkt in der Reihe dieser Kampfstoffe ist Soman, das im Frühjahr 1944 vom Nobelpreisträger Richard Kuhn synthetisiert wurde. VX gehört als sozusagen vierte Generation auch in diese Reihe, die von Ranajit Ghosh im britische Unternehmen Imperial Chemical Industries entwickelt wurde. Nowitschok ist die quasi fünfte Generation, die übliche Einteilung der Entwicklung erfolgt jedoch in Reihen, wobei man dabei die G-Reihe (wie Germany), V-Reihe (je nach Quelle für victory, venomous oder viscous) und die Nowitschok-Reihe unterscheidet. Im Grunde ist dies alles nicht sonderlich komplizierte, organische Chemie, die ihren Anfang in Deutschland nahm. [19 Quellen]

Die Symptome einer Nowitschok-Vergiftung sind »Tränenfluss, Speichelfluss, erhöhte Bronchialsekretion, gesteigerte Magen-Darm-Sekretion und Peristaltik mit Spasmen, Pupillenverengung und Sehstörungen, Blutdrucksenkung und vermehrte Schweißsekretion, Muskelsteife, Tremor, Muskelzuckungen, Krämpfe, Sprachstörungen und Parästhesien, Bewusstseinsstörungen und Atemlähmung. Zunächst kommt es durch die Acetylcholin-Flutung zu einer Dauererregung mit Kontraktion der Muskulatur, dieser schließt sich eine Lähmung an. Letztlich sterben die Opfer durch die Blockade der Atmung und des Herzmuskels. Zusätzlich können neurotoxische Wirkungen, primär das Axon betreffende Schädigung und auch Destruktion der Myelinscheiden, auftreten. Sie können mit einer Latenzzeit von bis zu vier Wochen auftreten und äußern sich in Parästhesien der unteren Extremitäten, Schwäche, Ataxie, spastische Paralyse, die sodann auch die oberen Extremitäten betrifft. Häufig bilden sich die Symptome nur sehr langsam und unvollständig zurück.« [20 Quellen]

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Das soll zur Chemie der Cholinesterasehemmer und ihrer Wirkung genügen. Die offiziellen Verlautbarungen der Bundesregierung und die offiziösen Darstellungen in den Leit- und Qualitätsmedien beantworten keine einzige Frage zur Causa Nawalny wirklich, jedenfalls keine zum Verständnis, geschweige denn zur Aufklärung der Vorgänge relevante. Stattdessen werfen sie - allerdings ohne diese zu formulieren - eine Reihe von Fragen auf. Die nach meiner Sicht der Dinge wichtigsten stelle ich nachfolgend.

Nawalny vergifet - in Tomsk und Berlin

  1. Nawalny war ausweislich von Fotos um 07:17 Uhr Tomsker Zeit auf dem Tomsker Flughafen im Wiener Café - auf einem Foto, das von ihm im Café gemacht wurde, sind die Uhren mit Moskauer und Surguter Zeit zu erkennen, also minus vier beziehungsweise minus zwei Stunden zur Tomsker Zeit. Nawalny betrat - das zeigen Aufnahmen von Überwachungskameras - das Wiener Café, ohne selbst am Tresen eine Bestellung aufzugeben, er ging sofort zu einem Tisch und setzte sich. Das Getränk brachte ihm einer seiner Mitarbeiter. Den Mitarbeitern in Nawalnys Команда ФБК zufolge lief das so ab:
    »Das FBK-Team lebte in Tomsk im Xander Hotel. Zusammen mit Navalny gingen seine Pressesprecherin Kira Jarmijsch und sein Assistent Ilja Pachomow zum Flughafen. Vier blieben in der Stadt - Anwalt Wladlen Los, Operator Pawel Selenskij und zwei Hauptermittler des Fonds, Georgij Alburow und Maria Pewtschich Pevchikh.« [21 Quellen, Amerkungen] Das Getränk wurde Nawalny also von seinem Assistenten Ilja Pachomow gebracht.
    https://twitter.com/ilyapahomov
    Ist der Mann in Russland so bekannt, dass die Restaurantangestellten am Tresen wussten, dass jetzt der Nawalny vergiftet werden muss?
    https://twitter.com/leon_elk/status/1296436166741372931

  2. Was trank Nawalny? Zuerst war von einer Tasse Tee die Rede, dann stellte sich die Tasse als Becher heraus und später erklärte das Personal des Cafés bei der Vernehmung durch die örtliche Polizei, dass es ein stärkeres alkoholisches Getränk war. Das erklärt zumindest, warum die Omsker Ärzte zunächst auf eine Kombination von Alkohol und Medikamenten tippten, welche die Vergiftungserscheinungen bei Nawalny auslöste.
    https://www.thedailybeast.com/putin-opponent-alexei-navalny-reportedly-poisoned-by-toxin-in-his-tea

  3. Der Flug S7 2614 der S7 Airlines startete ausweislich der Daten von Flightradar24 um 01:03 Uhr UTC, der im internationalen Flugverkehr üblichen Zeit, also um 08:03 Uhr Tomsker Zeit. Das Boarding fand somit etwa ab 07:30 Uhr statt. Ein um 08:59 Uhr auf Twitter veröffentlichte Foto im Transferbus zeigt keines der für eine Nowitschokvergiftung typischen Erstsymptome, weder Muskelkrämpfe noch unkontrollierter Tränen- und Speichelfluss noch eine drastische Minderung der Sehkraft.
    https://twitter.com/bazabazon/status/1296341150115205121
    Falls Nawalny - öffentliche Darstellung 1 - mit dem Getränk vergiftet wurde, war er während des Transfers noch ziemlich fit. Falls er - öffentliche Darstellung 2 - im Hotel mit vergifteten Wasserflaschen oder dortselbst - öffentliche Darstellung 3 - mit seiner Wäsche (Unterhose) vergiftet wurde, war das zwei bis drei Stunden später, was um so erstaunlicher ist. Wieso das - bei einem Gift, das einen ausgewachsenen Mann bei einer Dosis von einem Milligramm bei Hautkontakt innerhalb kürzester Zeit in einer Zeitspanne von wenigen Minuten bis zu einer Stunde tötet?
    Merkwürdig ist dies: Der Fotograf des Selfies mit Nawalny war offensichtlich ebenfalls ein Passagier des Fluges S7 2614, sonst wäre er nicht im Transferbus gewesen. Um 02:17 Uhr UTC setzte das Flugzeug über Малая Бича in der Omsker Zeitzone zur Wende an, also um 08:17 Uhr Omsker Zeit beziehungsweise um 09:17 Uhr Tomsker Zeit. Um 03:01 Uhr UTC, also um 09:01 Uhr Omsker Zeit landete das Flugzeug in Omsk. Für alle Smartphones mit Android- und iOS-Betriebssystem ist die automatische Zeitzonenanpassung die Standardeinstellung für die Uhrzeit des Smartphones, was - insbesondere für Reisende - ja auch Sinn macht. Das bedeutet, dass dieses Selfie wenige Minuten vor der Landung in Omsk um 08:59 Uhr Omsker Zeit auf Instagram veröffentlicht wurde - ohne auch nur den kleinsten Hinweis auf die Situation oder das Befinden des kollabierten Nawalny?

  4. Start Flug S7 2614 in Tomsk Wende über Малая Бича Landung in Omsk
  5. Wie sind die ominösen Wasserflaschen nach Deutschland gekommen? Welche Rolle spielt die spurlos - vermutlich in Großbritannien - verschwundene Maria Pewtschich (englische Transkription: Pevchikh)? Wer half ihr, zumal unter den geltenden Reisebeschränkungen infolge von Covid-19, Russland zu verlassen? Wenn das Team FBK tatsächlich Nowitschok an oder in den Flaschen vermutete, war die Art und Weise ihrer Sicherstellung höchst fahrlässig. Das Team FBK gibt sich in dieser Frage zugeknöpft, Rureporter.com berichtet:
    »FBK-Mitarbeiter äußern sich nicht dazu, wie die Beweise an die deutschen Behörden geliefert wurden. Aber dafür gab es eine Gelegenheit. Maria Pewtschich brachte sie im Gepäck vom Hotel nach Berlin, sagte einer der FBK-Mitarbeiter. [...] Tatsächlich war es Pewtschichs Marsch über die Grenze, der es ermöglichte zu beweisen, dass Nawalny vom Nowitschok vergiftet wurde. Pewtschich selbst bestätigte dem Projekt die Details dieser Geschichte.«
    Noch fahrlässiger wäre es, wenn die Flaschen mit einem Regionalflug oder gar mit einem Fernflug außer Landes gebracht worden wären - und das waren sie. Ihrer eigenen Aussage zufolge hat Pewtschich die Flaschen von Tomsk nach Omsk gebracht, wobei sie, weil es keine Direktflüge zwischen beiden Städten gibt, mit dem Auto von Tomsk nach Nowosibirsk gebracht, was über die kürzeste und schnellste Strecke von ungefähr 275 Kilometer bis zum Flughafen Nowosibirsk-Tolmatschowo knappe vier Stunden dauert. Von Nowosibirsk aus will sie nach Omsk geflogen sein, wofür nur der Flug S7 5345 mit etwas mehr als eine Stunde Flugzeit am 20. August 2020, Start um 17:55 Uhr STD (Scheduled Time of Departure), und am 21. August 2020 der Flug S7 5343, Start um 09:40 Uhr STD, in Frage kommen. Pewtschichs "Marsch über die Grenze" war, so hat auch die Bild-Zeitung - sicher nach der Lektüre eine Interviews, das Pewtschich der BBC gab - erfahren, in Wirklichkeit der Flug mit dem "Rettungsflieger". Im Interview klingt das so:
    »BBC: Infolgedessen sind Sie von Tomsk nach Omsk gefahren. Auf welche Weise und mit welchen Vorsichtsmaßnahmen?
    Maria Pevchikh: Flugzeuge fliegen nicht von Tomsk nach Omsk. Ich habe das erst vor kurzem gelernt, es scheint extrem unlogisch, aber es ist eine Tatsache. Wir fuhren mit dem Auto nach Nowosibirsk und von dort flogen wir mit dem Flugzeug.
    BBC: Alle diese Wasserflaschen - alles, was Sie im Raum gesammelt haben - waren Sie dabei? In Ihrem Handgepäck, aufgegebenem Gepäck oder was?
    MP: Es wurde strategisch an verschiedenen Orten verpackt, weil wir verstanden haben, dass diese Flaschen, egal was passiert, nur Flaschen sind, nichts Bedeutendes. Es besteht jedoch eine mikroskopische Chance, dass sie wertvoll sind. Wenn wir sie nicht aus Tomsk genommen hätten, wären sie zu Müll geworden. Es besteht kein Zweifel, dass diese Flaschen jetzt weg wären.
    BBC: Zwei Verschwörungstheorien diskutiert: Sind Sie mit Alexei in einem Privatflugzeug hierher nach Deutschland geflogen? Und wie haben Sie die Biomaterialien an die deutschen Spezialisten übertragen - genau diese Flasche?
    MP: Es ist wahr über das Flugzeug. Ich bin wirklich mit der gleichen medizinischen Abteilung weggeflogen, die Alexei weggebracht hat. Und diese unglücklichen Flaschen flogen mit uns weg. Yulia Navalnaya war in diesem Flugzeug. Die Familie brauchte eine Art Begleitperson, diese Person war ich.«

    Das bedeutet, dass Pewtschich sich zumindest zeitweise in Berlin aufhielt, was die Bundesregierung den Nicht-Antworten ihres Regierungssprechers Seibert auf den Bundespressekonferenzen zur Causa Nawalny zufolge nicht wissen oder - was wahrscheinlicher ist - nicht zugeben wollte, gleichwohl die Pewtschich durch die Stadt latschte. [Quellen wie Fußnote 21]

  6. Maria Pewtschich in Berlin

  7. Die aktuellste Version ist die von der vergifteten Wäsche. Aufgebracht wurde sie von Wladimir Uglew, RBK berichtet:
    »Einer der Entwickler von Nowitschok, ein ehemaliger Mitarbeiter der GosNIIOKhT-Niederlassung in Shikhany, Wladimir Uglew, hatte zuvor in einem Gespräch mit RBC eine Version zum Ausdruck gebracht, wonach das Gift auf Nawalnys Kleidung oder Unterwäsche angewendet wurde. In diesem Fall konnte der Politiker nur einen kleinen Teil der giftigen Substanz aufnehmen, was ihm das Leben rettete. "Nachdem Alexeij diese Unterwäsche am Tag der Abreise am Morgen angezogen und etwa vier bis sechs Stunden darin verbracht hatte, erhielt er eine Dosis von nicht mehr als 20 - 30 % LD50 (die durchschnittliche Dosis einer Substanz, die den Tod der Hälfte der Mitglieder der Testgruppe verursacht. - RBC) eine Menge der Substanz, die ausreicht, um das gleiche Schädigungsmuster wie bei den Skripals in Salisbury zu verursachen."« [22 Quellen]
    Die Sache mit der Wäsche hat nur einen Haken, den Rureporter.com so beschreibt: »Nawalny verbrachte drei Nächte im Hotel und wohnte die ganze Zeit im selben Raum. Uglew glaubt, dass der Giftmischer Alexeijs Kleidung mit Nowitschok hätte behandeln können. Dies könnte entweder geschehen, indem man in sein Zimmer kommt oder indem man beispielsweise eine giftige Substanz in einen Beutel mit Kleidung fallen lässt. Einer der FBK-Mitarbeiter erzählte dem Projekt, dass der Politiker im Xander die schmutzigen Klamotten zum Waschen gab und die Tasche mit den sauberen Klamotten an den Türgriff des Zimmers gehängt wurde. Aber dies geschah am ersten Tag, und Nawalny zog dann einige seiner Kleider an, was diese Version weniger wahrscheinlich macht.« [Quellen wie Fußnote 21]

  8. Am 2. September 2020 gab die Bundesregierung in ihrer Pressemitteilung 306 bekannt, dass die toxikologische Untersuchung der Charité Berlin an Proben Nawalnys den zweifelsfreien Nachweis von Nowitschok erbracht hätte. Am 14. September 2020 meldet der Berliner Tagesspiegel, dass Labore in Frankreich und Schweden den deutschen Befund bestätigen. [23 Quellen] Wieso bleibt das für den Rest der Nation eine Glaubensfrage, wieso werden die Resultate der Untersuchungen nicht veröffentlicht? Wieso wird die Weitergabe derselben an die russische Regierung und deren Behörden bis heute, 28. September 2020, verweigert?

  9. Wie ist es eigentlich um das nagelneue "Super-Nowitschok" bestellt, das BND-Präsident Bruno Kahl - ohne es zu kennen, weil total geheim - gefunden haben will und dass in den letzten Tagen wieder aus den Medien verschwand? »Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny soll einem Magazinbericht zufolge mit einer neuartigen Variante des Nervenkampfstoffes Nowitschok vergiftet worden sein. Es soll sich um eine "härtere" Form als die bisher bekannten gehandelt haben, berichtete der "Spiegel". Das Magazin berief sich auf eine geheime Unterrichtung durch den Präsidenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl. [...] Der BND wollte zu dem Bericht auf Anfrage keine Stellung nehmen.« [24 Quellen]

Und nun? Fragen über Fragen und keine Antworten in Sicht - wenn überhaupt zu erwarten.

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Im dritten Teil gehe ich der Frage nach, womit und warum das geschehen sein könnte, wenn Nawalny tatsächlich vergiftet wurde, und erörtere die möglichen Szenarien des Anschlags. Auch dieser Teil ist - neben der sachlichen Darstellung insbesondere in der Beschreibung der Szenarien - hypothetischer Natur.

Das hypothetische Erörtern birgt - neben der Versuchung, allzu sehr ins Spekulieren zu geraten - eine gewisse in Gefahr in sich, nämlich die, dass man die Argumente zur Hypothesenbildung so auswählt und formuliert, dass sie als Resultat das liefern, was man gerne als solches hätte. Dabei kann es passieren, dass man dem aufsitzt, was man in den guten, alten Zeiten des Papierjournalismus eine Ente nannte und das heute mit dem ebenso dämlichen wie überstrapazierten Begriff Fake News benannt wird. Diese Gefahr ist um so größer, je mehr man - bei allem Bemühen, einigermaßen objektiv zu bleiben - innerlich Partei ergreift, was ich natürlich tue. Deshalb hätte ich fast eine Meldung übernommen, die einer solchen Ente recht nahe kommt, was nur durch meine hin und wieder belächelte Pedanterie bei der Quellenrecherche und -dokumentation verhindert wurde. Konkret geht es um eine Meldung in verschiedenen Medien [25 Quellen], dass im Video von der durchaus dubiosen "Beweissicherung" seitens des Команда ФБК in Nawalnys Tomsker Hotel die Zeiten auf einem wie drapiert wirkenden Wecker und der Armbanduhr eines der Mitarbeiter Nawalnys - ich denke, es handelt sich dabei um Georgij Alburow - zwei Stunden voneinander abwichen, der Wecker zeigt 11:45 Uhr, die Armbanduhr soll 09:45 Uhr zeigen. [26 Quelle Video] Die Story war natürlich zu schön, um sie zu ignorieren, denn sie hätte bedeutet, dass Nawalnys Team das Zimmer schon durchsuchte, bevor das Flugzeug um 03:01 Uhr UTC, also um 09:01 Uhr Omsker Zeit und 10:01 Uhr Tomsker Zeit in Omsk landete. Weil einerseits die verfügbaren Screenshots - absichtsvoll oder nicht, sei dahingestellt - von lausiger Qualität sind und ich andererseits vorzugsweise selbst erstelltes Bildmaterial verwende, sofern das möglich ist, habe ich mir das Video heruntergeladen, um sekundengenau Screenshots erstellen zu können. [27 Erläuterung]
Nach etlichen Versuchen mit verschiedenen Snapshots aus den sechs Sekunden, in welchen die Uhr im Bild ist, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Zeiten auf dem Wecker und der Armbanduhr übereinstimmen. Ich sehe auf der Bildserie 1a bis 1c und auf den Bildern 2a und 2b links hinter der Neun den Minuten- und oben kurz vor der Zwölf den Stundenzeiger, der Sekundenzeiger ist, so denke ich, schemenhaft rechts oben um die Zwei herum zu sehen. Zum Vergleich soll die Abbildung drei meiner, auf 11:47 gestellten Uhren dienen.
Eine alternative Interpretationsmöglichkeit ist 09:10 Uhr, wenn man den Zeiger um die Zwei herum als Minutenzeiger sieht. Diese Variante hat allerdings zwei Haken - einerseits verschwindet er in den letzten beiden Sekunden, wie auf den Bildern 3 und 4 zu sehen ist, andererseits erklärt sie nicht den markanten Punkt kurz vor der Zwölf. Ich bleibe also dabei - die Zeiten auf dem Wecker und der Armbanduhr stimmen überein. Von der Bildanalyse abgesehen stellt sich mir eine Plausibilitätsfrage - warum sollten die ФБК-Leute das tun? Es ergäbe sich kein erkennbarer Nutzen, denn das Flugzeug wendete um 02:17 Uhr UTC, also um 08:17 Uhr Omsker Zeit beziehungsweise um 09:17 Uhr Tomsker Zeit über Малая Бича in der Omsker Zeitzone und die ФБК-Leute hätten von Nawalnys Begleitern informiert sein können. Außerdem mussten sie damit rechnen, dass das Video genau untersucht wird - und zwar nicht nur von interessierten und/oder ambitionierten Laien. Es macht schlicht keinen Sinn, 09:45 Uhr Tomsker Zeit auf der Armbanduhr anzunehmen. Zum selben Ergebnis kommt auch Thomas Röper in seinem diesbezüglichen Text im Anti-Spiegel. (Ist zwar ein seltsamer Titel für eine Netzseite, aber Röper ist ausgewiesener Kenner Russlands und der dortigen Verhältnisse.) Er weist dabei auch auf wichtigen Sachverhalt hin: »Wenn wir das zusammenfassen, gibt es keine Hinweise auf eine Manipulation der Uhrzeiten. Weder die Polizei, noch das Hotel haben gemeldet, dass Navalnys Leute zu früh in dem Hotel gewesen sind, auch Pewtschichs Version ist in diesem Punkt stimmig und dass man bei einer Manipulation der Uhrzeit unter Zeitdruck die Uhrzeit auf dem Wecker um exakt zwei Stunden vorstellt, ist ebenfalls unwahrscheinlich.« [Quelle wie Fußnote 25]

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Die zentrale Frage, die sich aus allen anderen ergibt, ist die nach dem Cui bono - wem nützte die Aktion. In den Leit- und Qualitätsmedien wird diese Frage im Fall der Causa Nawalny für unzulässig, weil vermeintlich ablenkend, irreführend und quasi in sich schon putinophil erklärt. Das ist jedoch veritabler Blödsinn, seit Marcus Tullius Cicero sie im Jahr 80 v. Chr. in der Verteidigung des Sextus Roscius Amerinus verwendete, ist sie aus der Kriminalistik, aber auch aus der Geschichts- und Politikwissenschaft nicht wegzudenken, denn sie impliziert die Frage nach dem Motiv. Allerdings kann die Argumentation allein mit der Cui-Bono-Frage aber auch in einen Cum hoc ergo propter hoc, einen Fehlschluss aus Scheinkausalität, führen, weil aus der Gleichzeitigkeit von Interesse und Ereignis ohne weitere Indizien nicht zwingend auf deren Kausalität geschlossen werden kann - den ich natürlich zu vermeiden versuche. Da ich schon einige Indizien erörterte und weitere folgen werden, sei an dieser Stelle also die Frage gestellt - Cui bono?

Ich kehre die Frage einfach mal um: Wem nützte die Vergiftung Nawalnys NICHT? Die Antwort liefert ein Kenner Russlands und der staatlichen resp. administrativen Verhältnisse der Föderation, nämlich Ilja Ponomarjow, ein echter Oppositioneller. Ponomarjow war Abgeordneter der Staatsduma und stimmte im März 2014 als einziger von 450 Duma-Abgeordneten gegen die Heimholung der Krim nach Russland, hierzulande als "Annexion" gewertet - ich habe hier dazu einige Worte geschrieben. Im März 2015 wurde Ponomarjows Immunität aufgehoben und er verließ Russland, zunächst zog er in die USA, dann in die Ukraine. Poroschenko gewährte ihm am 20. Mai 2019, am letzten Tag seiner Amtszeit, die ukrainische Staatsbürgerschaft. Ilja Ponomarjow gab am 9. September 2020 der Kyiv Post (Untertitel: "Ukraine's Global Voice") ein Interview und führte dort aus:
»Ich glaube nicht, dass der Kreml das angeordnet hat, weil ich nicht verstehe, warum er das überhaupt hätte wollen sollen. Es ist kontraproduktiv für den Kreml. Die gesamte Verhaltensweise des Kremls besteht darin, so zu tun, als gäbe es keinen Nawalny, ihn nicht beim Namen zu nennen und einen Schatten einer möglichen Zusammenarbeit mit russischen Sonderdiensten auf ihn zu werfen – nicht, um ihn ins Gefängnis zu stecken, sondern um ihn mit nur bedingten Strafen (auf Bewährung) statt mit unbedingten Strafen (mit Gefängnis) zu verurteilen. Auf diese Weise hielten die Behörden Nawalny immer in Schach. Was jetzt geschah, ist dagegen genau das, was die russischen Behörden stets zu vermeiden versuchten: eine riesige Informationswelle um Nawalny herum. [...] Putin wird keine unmittelbaren Konsequenzen aus der Vergiftung von Nawalny haben. Es hängt davon ab, was mit Nawalny als Nächstes passiert. Ich mag Nawalny nicht besonders, aber ich wünsche ihm Genesung, wir stehen auf der gleichen Seite der Barrikaden, trotz der unterschiedlichen Ansichten. Wenn er sich schnell erholt und wieder auf die Beine kommt, wird er in vollem Umfang zurückschlagen. Er wird einen neuen Zustrom von Mitgliedern haben, Spenden erhalten, seine Anti-Korruptions-Stiftung wird einen Schub bekommen, wenn er sich erholt.« [28 Quellen]

Ähnlich äußert sich aus einer ganz anderen politischen Ecke der kanadische Journalist Fred Weir, der seit 1998 für The Christian Science Monitor aus Russland berichtet und auch für The Independent, The Canadian Press und Hindustan Times schreibt. Er sagt in einem Interview dies zu Nawalnys Rolle: »It's marginal in Russian politics. It's not currently a threat to the Kremlin. Navalny is little more than a nuisance, and I can't believe that Putin would rocket him to the top of the world political agenda through a botched attempt to assassinate him or even an effective one. It just does not make sense to me.« [29 Quellen, Übersetzung, der Artikel ist insgesamt sehr interessant, weil er die Stimmung der Russen und ihr Verhältnis zu Putin einerseits und zum Westen andererseits sehr informativ aus der Sicht eines de facto Insiders beschreibt.]

Nawalny - das Hotelzimmer in Tomsk, Dichlorvos

Ich muss dazu nicht mehr viel sagen, nur zwei Anmerkungen noch - ich vertraue erstens den Worten Ponomarjow und Weirs sehr viel mehr als dem Geschreibsel der, sich als Journalisten ausgebenden, Buchstabenjongleure und Zeilenschinder in ihren furzwarmen Drehsesseln in der Hamburger Ericusspitze und in der Buceriusstraße. Ponomarjow und Weir sind ausweislich ihrer Arbeit tatsächliche Kenner der Materie, die anderen in Hamburg und anderswo hierzulande haben in den letzten Jahren seit etwa 2014 die nach dem Ersten Kalten Krieg schon ausgestorben geglaubte Profession des Kreml-Astrologen für den Zweiten Kalten Krieg neu erfunden.

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Zweitens - schon anlässlich der Causa Skripal wunderte mich, aber mehr noch im Fall Nawalny erstaunt mich die um Kooperation fast bettelnde Reaktion der russischen Regierung. Das ist für alle Staaten, deren Dienste zu solchen Mitteln greifen, absolut unüblich - sowohl in den USA als auch in Israel und eben auch in der seinerzeitigen UdSSR und dem jetzigen Russland. Nein, das wird kein Whataboutism, weder ein zulässiger noch ein unzulässiger, sondern eine Tatsachenfeststellung. [30 - hier erläutere ich, was ich mit Whataboutism meine.] Der dazu gehörende Topos lautet "jederzeitige Dementierbarkeit". Das war beispielsweise bei allen Attentatsversuchen auf Fidel Castro so und ebenso bei dem ominösen Hinwegsterben von in Geheimprojekte involvierten Wissenschaftlern in den USA. Das war bei den Attentaten des Mossad so - der israelische Journalist Ronen Bergman geht von mindestens 3.000 Opfern der diesbezüglichen Mossad-Operationen aus -, das generelle Statement der israelischen Regierung lautete stets "Der Staat Israel reagiert nie und bestätigt nichts." (Außenminister Avigdor Lieberman am 17. Februar 2010, auch kein Whataboutism). Es sei denn, es ging gründlich schief wie im Fall der Anschläge auf Chalid Maschal im September 1997 oder bei dem Anschlag auf Mahmud al-Mabhuh in Dubai im Januar 2010. Der ging zwar nicht schief, war aber einer der seltenen Fälle, dass westliche Staaten - konkret Großbritannien, Deutschland und Frankreich -, reagierten und die israelischen Botschafter einbestellten. Allerdings nicht, um den Anschlag zu verurteilen, sondern weil der Mossad die Agenten mit Pässen dieser Staaten bestückt hatte. Das war jetzt ein zulässiger Whataboutism, und zwar nicht gegen Israel - und weil es gerade passt, gleich noch einer. Das unter dem Friedensnobelpreisträger Obama zur wöchentlichen, nämlich dienstäglichen Routine gewordene, persönliche Abzeichnen der "Kill list" für - offiziell in Obamas Amtszeit - 473 Drohnenangriffe ist natürlich ein ganz andere Sache, weil man es dort bekanntermaßen für das gute Recht der USA hält, jederzeit irgendwo in der Welt herumzuballern und ein paar Bauern vom Grand Chessboard zu schubsen. [31 Quellen]

Doch zurück nach Russland - die Reaktion seitens der russischen Administration auf die Anschuldigung bezüglich des sogenannten "Tiergartenmordes" an dem georgisch-tschetschenischen Terroristen Selimchan Changoschwili am 23. August 2019 im Berliner Park Tiergarten (heißt nur so, ist nicht wirklich einer) entsprach exakt dem Muster der jederzeitigen Dementierbarkeit und lautete sinngemäß so: "Waren wir nicht, interessiert uns nicht - und im Übrigen: Rutscht uns den Buckel runter." Man darf also getrost davon ausgehen, dass höhere und eventuell höchste Ebenen der russischen Dienste FSB oder GRU involviert waren. [32 Hinweis]

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Nun weiter zum Thema Nowitschok - in den Westen kam das Gift durch den Bundesnachrichtendienst. Die Aktion ist immer noch geheim, man weiß nur, dass sie irgendwann Anfang der 1990er Jahre lief und dass ein russischer Spion, der schon eine Weile unter der Regie des BND agierte, zum Überlaufen bewegt wurde, wenn er eine Probe eines damals noch Программа "Фолиант" heißenden und erst später Nowitschok genannten Kampfstoffes mitbrächte. Die ihm und seiner Frau angebotene deutsche Staatsbürgerschaft soll den Anreiz geboten haben. Weil sich die Bundesregierung - zumal kurz nach der Übernahme der DDR - nicht dem Verdacht aussetzen wollte, sie hätte Interesse an Chemiewaffen, reichte der BND den Kampfstoff verfügbaren Informationen zufolge nach Schweden weiter. Anlässlich des Falles Skripal wurde die schwedische Regierung vom OPCW gefragt, wo denn eigentlich ihre Nowitschok-Probe abgeblieben wäre und diese antwortete, sie könne den Vorgang in der Kürze der Zeit nicht aufklären. Die Bundesregierung ließ die Öffentlichkeit zur selben Zeit um ihre Bemühungen wissen, den damals unter höchster Geheimhaltung gelaufenen Vorgang zu rekonstruieren. Wohin und über welche Wege Nowitschok in der NATO die Runde machte, ist ungewiss, als erwiesen gilt, dass die USA, Großbritannien und Frankreich im Besitz des Giftes sind. Unklar ist, ob und in welchem Umfang es reproduziert und weiterentwickelt wurde, bekannt ist lediglich die Existenz der sogenannten "Nowitschok-Analoga", wie sie beispielsweise 1996 an der Universität Braunschweig synthetisiert wurden. Tatsache ist, dass selbst ein Miniaturstaat wie Tschechien im Besitz von Nowitschok ist und damit herumexperimentiert. [33 Quellen]

Vor der Beantwortung der Frage nach dem Cui bono bleibt nun eigentlich nur noch eine Frage offen - wurde Nawalny tatsächlich mit einem Gift der Nowitschok-Gruppe vergiftet? Ich denke nicht, seine recht zügige, weitgehende Genesung - nicht, dass ich sie ihm nicht gönne, erstaunlich schnell erfolgte sie aber doch - angesichts der extremen Tödlichkeit der Gifte dieser Gruppe erscheint nicht plausibel. Eine sehr viel wahrscheinlichere und gebräuchlichere Variante mit der Symptomatik einer Vergiftung durch ein cholinesterasehemmendes Phosphorsäureester sprach Ilja Ponomarjow im oben zitierten Interview an:
»Aber egal, wie es passiert ist, jemand hat Nawalny vergiftet. Es gibt in Tomsk so genannte "Tomichi", berüchtigte Geheimdienst-Angehörige, aber mit Nowitschok hätten diese es sicher nicht getan. Nowitschok ist nur auf föderaler Ebene möglich, es ist [in seiner Eigenschaft als Nervengift, Anm. Kupfer] zu gefährlich. Die Tomsker hätten es mit etwas Einfachem getan, wie Dichlorvos oder Arsenik.« [Quelle wie Fußnote 28]

Dichlorvos ist - wie auch Nowitschok - ein Cholinesterasehemmer aus der Stoffgruppe der Phosphorsäureester. Seit seiner Entwicklung im Jahr 1951 wird es zur Herstellung von Bioziden verwendet, die unter Handelsnamen wie beispielsweise Nuvan, Vapona, Dedevap und Nogas vertrieben werden. Mit Beschluss vom 10. Mai 2012 ist die Abgabe von Biozidprodukten, die Dichlorvos enthalten, in der EU seit dem 1. November 2012 nicht mehr erlaubt. Das gilt aber nur für die EU, anderenorts, zum Beispiel in Indien und Südamerika, erfreuen sich Dichlorvos-Biozide weiterhin großer Beliebtheit, sie sind billig und leicht zu verwenden.
Am 6. Oktober 2020 veröffentlichte die OPCW ihren Befund zu den, von der Berliner Charité im Auftrag der Bundesregierung zugesandten, Blutproben Nawalnys:
»The results of the analysis by the OPCW designated laboratories of biomedical samples collected by the OPCW team and shared with the Federal Republic of Germany confirm that the biomarkers of the cholinesterase inhibitor found in Mr Navalny’s blood and urine samples have similar structural characteristics as the toxic chemicals belonging to schedules 1.A.14 and 1.A.15 that were added to the Annex on Chemicals to the Convention during the Twenty-Fourth Session of the Conference of the States Parties in November 2019. This cholinesterase inhibitor is not listed in the Annex on Chemicals to the Convention.« [34 Quellen, Übersetzung]
Die OPCW vermeidet also den Begriff "Nowitschok" - wie auch schon die Charité in ihren Pressemitteilungen zu Nawalny - und schreibt stattdessen von einem "cholinesterase inhibitor", einem Cholinesterasehemmer, der nicht im Anhang zur besagten Vereinbarung der Mitgliedsstaaten gelistet ist. Dichlorvos ist ein Cholinesterasehemmer, der ähnlich wie Nowitschok wirkt, und es ist nicht als chemischer Kampfstoff gelistet.

Weil Dichlorvos ein Cholinesterasehemmer ist, wirkt es auf den menschlichen Organismus mit denselben Symptomen und tödlichen Folgen wie Nowitschok, nur langsamer und die letale Dosis ist deutlich größer. Konkrete Angaben habe ich nicht gefunden, sie dürfte aber wegen der großen Ähnlichkeit in der chemischen Struktur mit Sarin etwa bei der dieses Nervengiftes liegen und die beträgt bei der Aufnahme durch die Haut abhängig vom Körpergewicht etwa zwei Gramm. Da die Physiologie des Schweines der des Menschen stark ähnelt, kann hier als Vergleichswert für die orale Aufnahme von Dichlorvos durch Menschen die letale Dose für Schweine angenommen werden, die bei 32 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht liegt. Die Symptome und die Folgen einer Vergiftung mit Dichlorvos sind also exakt dieselben wie jene einer Nowitschokvergiftung, nur verläuft alles langsamer. [35 Quellen] Dichlorvos wäre mithin eine echte "Alternative" zu Nowitschok - das, wie Ponomarjow feststellt, in Russland nur auf föderaler, also höchster Ebene zu haben ist -, wenn ein Anschlag so aussehen soll, als wäre er mit Nowitschok ausgeführt worden. Fred Weir bringt es auf den Punkt:
»First of all, I'm pretty sure that Russian secret services - and I'm posing this as a question, not as a polemic - but Russian secret services, I think, I'm guessing, know how to kill efficiently and without creating a really loud, scandalous trail leading to themselves. And the use of anything by the name "Novichok" does plant a flag that says, "Russian secret services", "Kremlin."« [Quelle, Übersetzung wie Fußnote 29]

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All das bisher Erörterte im Blick habend bleibt noch die Frage, warum und wie Nawalny vergiftet wurde. Dass er vergiftet wurde und der ganze Vorgang kein Fake ist, wie manche "Alternativmedien" behaupten, ist als Tatsache anzunehmen. Dass Nawalny auf Weisung und/oder mit Wissen der höchsten staatlichen Instanzen vergiftet wurde, schließe ich - nicht nur Ponomarjows Argumentation folgend - hingegen aus. Bleiben letztlich drei Szenarien übrig - entweder Nawalnys Vergiftung war eine False-Flag-Operation in zwei möglichen und plausiblen Varianten oder sie war eine Aktion niedrigrangiger Geheimdienstkreise auf regionaler Ebene, möglicherweise im Bündnis mit Leuten auf derselben Ebene, denen Nawalnys ФБК auf die Füße trat oder treten könnte. Hier also die Hypothesen zu den möglichen und plausiblen Versionen.

1.) False-Flag-Operation - externe Version: Ohne allzu sehr zu spekulieren - es gibt einige Staaten mit durchaus fähigen Geheimdiensten, die ein Interesse daran haben, Russland im Allgemeinen und Putin im Besonderen zu schädigen und international zu isolieren. Damit meine ich jetzt nicht die USA oder Großbritannien, sondern im Rahmen des Projektes Nord Stream 2 Staaten wie Polen (sorry, ist aber so), die Ukraine und die baltischen Staaten. Ein schöner Nebeneffekt ergibt sich aus dem Termin, und zwar drei Wochen vor den Wahlen - unter anderem exakt in dem Ort, in dem Nawalny vermutlich vergiftet wurde. Das Ergebnis der dortigen Wahlen, nämlich der Einzug des Команда Навального in den Stadtrat, ist auch Resultat dieser Attacke. Möglicherweise sollte genau das passieren, was passiert ist - Nawalny erkrankt schwer, stirbt aber nicht - das mit höchstmöglichen internationalen Aufmerksamkeitslevel - und er »wird einen neuen Zustrom von Mitgliedern haben, Spenden erhalten, seine Anti-Korruptions-Stiftung wird einen Schub bekommen, wenn er sich erholt.« (Ponomarjow) Dazu wäre Dichlorvos das Mittel der Wahl, die Symptome der Vergiftung lassen auf Nowitschok schließen und es ist - im Gegensatz zu Nowitschok - leicht und billig zu haben und ebenso leicht zu handhaben.

2.) False-Flag-Operation - interne Version: Dazu muss ich ein wenig ausholen. Das hierzulande von den Leit- und Qualitätsmedien fast ausschließlich so gezeichnete Bild von Putin als dem autokratisch-allmächtigen Herrscher ist Unsinn. Der oben zitierte Fred Weir hat die tatsächlichen Verhältnisse ziemlich exakt auf den Punkt gebracht:
»I mean, I think people should understand that Russia is a big, sprawling country. It's got many, many intersecting elites which Putin has managed fairly effectively over the past 20 years, but he doesn't control everything.« [Quelle, Übersetzung wie Fußnote 29]
In Russland gibt es etwa seit der Zeit Alexander II. ein Machtgefüge, dass die Russen силовики (Silowiki) nennen, was - abgeleitet von сила - Kraft, Stärke, Macht - die Mächtigen, die Starken, aber auch die Wächter heißt. Diese Silowiki sind der Komplex aus Armee, Nationalgarde, Geheimdiensten und Polizei, der über die von ihnen geführte Ministerien Inneres und Verteidigungsministerium über starke politische und seit Jelzin auch wirtschaftliche Macht verfügt. In gewisser Hinsicht und einigen Aspekten ähnelt die Struktur der Silowiki dem militärisch-industriellen Komplex in den USA und ähnlich diesem bildete er sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion als solcher über die tradierte Struktur seit Alexander II. hinaus aus. Mit einem großen Unterschied - in Russland tut - im Gegensatz zu den USA - keiner so, als gäbe es ihn nicht. Jeder Russe weiß um ihn und die Protagonisten der Silowiki sind jedem Russen bekannt. [36 Hinweis]

Die Silowiki sind in ihren politischen Ansichten und Zielsetzungen keine komplett homogene Gruppe, einige sind - adäquat den US-amerikanischen hawks und doves - Hardliner, andere vertreten moderate Linien und Strategien. Wenn man dazu noch bedenkt, dass sich in Russland gerade mal seit zwanzig Jahren - wenn man die 1990er "Jahre des Chaos" außer acht lässt - erstmals in seiner tausendjährigen Reichsgeschichte ein Bürgertum von signifikanter und damit gesellschaftspolitisch relevanter Größe und damit eine Demokratie inklusive des Systems der Checks and Balances entwickelt, wird deutlich, was für ein schwieriger Balanceakt das für junge föderale Republik und ihren Präsidenten ist. Innerhalb der Gruppe der Hardliner gibt es eine Fraktion, der Putins Politik gegenüber der Ukraine und dem Westen und hinsichtlich der heimischen Opposition zu lasch ist. In diesem Kontext wäre eine False-Flag-Operation denkbar, welche über die absichtsvolle Verschärfung der Konflikte mit dem Westen Putin zu einem härteren Kurs gegen selbigen zwingen soll. Zugleich war abzusehen, dass ein Anschlag auf Nawalny kurz vor den Regionalwahlen die Opposition temporär und regional stärkt, was ja auch passierte und was Putin zu einer härteren Gangart gegen diese nötigen soll. Auch für eine solche Aktion wäre Dichlorvos das Mittel der Wahl.

3.) Lokale resp. regionale Version: Denkbar ist eine Aktion niedrigrangiger Geheimdienstkreise auf regionaler Ebene - konkret jene, die Ponomarjow im obigen Zitat "Tomichi" nannte -, möglicherweise im Bündnis mit Leuten auf derselben Ebene der Wirtschaft und/oder Bürokratie, denen Nawalnys ФБК auf die Füße trat oder treten könnte. Die politischen Folgen wären, so diese Version zuträfe, den Akteuren eher gleichgültig gewesen, das einzige Interesse hätte darin bestanden, Nawalny schnellstmöglich auszuschalten - wie auch immer. In diesem Fall wäre Dichlorvos ebenfalls das Mittel der Wahl.

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Ich kann mich nicht definitiv auf eine der Versionen festlegen, tendiere aber zur dritten Hypothese, und zwar wegen der Reaktion der russischen Regierung. Träfe die dritte Version zu, wäre sie durch die lokalen Untersuchungskräfte und die dortige Justiz wahrscheinlich nicht aufzuklären. Die Reaktion der russischen Regierung, das vierwöchige, fast flehentliche (und mittlerweile aufgegebene) Bitten um gemeinsame Ärzte- und Untersuchungsgremien zur Aufklärung der Vorgänge legt nahe, dass die russischen Regierung denselben Verdacht in Richtung der dritten Hypothese hegt und ebenfalls weiß, dass der Vorfall regional nicht aufzuklären ist. Auch die Bundesregierung sollte aus deutscher Erfahrung wissen, wie es ist und ausgeht, wenn lokale oder Bundesbehörden mauern - ich denke da an den bis heute nicht aufgeklärten Fall Schmücker, die für den Prozess "unauffindbare" Mordwaffe wurde ohne Konsequenzen für denselben vom Berliner Verfassungsschutz 15 Jahre lang in einem Tresor "verwahrt", und an die bis heute quasi per Dekret aufgeklärte "Todesnacht von Stammheim" - die Zellen der Häftlinge wurden auch in dieser Nacht abgehört, aber nicht einmal Gerhart Baum als seinerzeitiger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium bekam Zugang zu den wohl auf ewig unter Verschluss bleibenden Tonaufzeichnungen. Ich denke an die mehr Fragen aufwerfende als beantwortende "Aufklärung" der Morde des sogenannten "NSU" inklusive der nachfolgenden Farce, die als Untersuchungsausschuss deklariert wurde, und an die "Aufklärung" des Falls Amri, die seither mal diese, mal jene Information in die Öffentlichkeit tröpfeln lässt. Wenn die Bundesregierung klug wäre und nicht offensichtlich einer - wie auch immer gearteten, ich weiß es nicht - Agenda in (nicht nur) dieser Causa folgte, hätte sie der Kooperation zugestimmt, um welche die russische Seite bat, sie hätte ja die Kontrolle über die Zusammenarbeit behalten können. Aber einerseits die Hilfe zur Aufklärung zu verweigern und im selben Atemzug lautstark die Aufklärung einzufordern, ist perfide.

Die Situation ist vermutlich auf unabsehbare Zeit ziemlich verfahren und Stimmung zwischen Deutschland und Russland ist im Keller, und zwar nicht nur auf der Ebene staatlicher Instanzen, sondern auch aus der Perspektive der Menschen. Fred Weir hat diese Lage mit folgenden Worten beschrieben:
»People believe a certain chain of events. It doesn't matter how flimsy and fact-free that is. It is impossible to penetrate. And on one side, it's Putin is the dictator who is murdering his opponents, he's using the most advanced deadly nerve agents and his ruthless agents are killing people, and they're just lying about it. And on the other side, and I know this about Russians, they increasingly think that Western media is lying. And, I mean, even liberal Russians who used to be pretty pro-Western, people look at things that are being written and shake their heads and think, no, that does not make sense to us. And increasingly Russians are getting their backs up and seeing it as anti-Russian propaganda; things are being made up in order to slander us. And there is no daylight between those two positions. You just can't reconcile them, and without some kind of dialogue taking place, they're just gonna get harder and harder and it's gonna get worse and worse. But I see no hope on either side, frankly, that you could bridge these two narratives.« [Quelle, Übersetzung wie Fußnote 29]

Es ist einfach nur deprimierend.
Dixi et salvavi animam meam. [37 Hinweis]

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Fußnoten und Quellen


[2] Russischer Marsch https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_Marsch
Welt: Ultranationalisten blasen zu Russischem Marsch https://www.welt.de/newsticker/...
Nawalny auf einem Russischen Marsch (ab 6:50) https://www.youtube.com/watch?v=TMsPaEJkVVA
Bilder zum Russischen Marsch https://bit.ly/3mCgQ7H (URL-Shortener zur Google-Bildersuche)

[3] Memento bei Archive.org, am 21. April 2020 war es laut Wikipedia noch abrufbar https://web.archive.org/web/...

[4] НАРОД за легализацию оружия (Das Volk für die Legalisierung von Waffen ) https://www.youtube.com/watch?v=oVNJiO10SWw

[5] The New York Times - Rousing Russia With a Phrase https://www.nytimes.com/2011/12/10/world/...

[6] Der rechte Rand: Kontrollierter Nationalismus https://www.der-rechte-rand.de/archive/...
SZ: Nawalnys Wahlkampf gegen Migranten https://www.sueddeutsche.de/politik/....

[7] Altgläubige in Russland https://de.wikipedia.org/wiki/Altgläubige_in_Russland
Wikipedia: Rodnoverie (slawisches Neuheidentum) https://en.wikipedia.org/wiki/Slavic_Native_Faith

[8] SPON: Pompeo vermutet "hohe russische Regierungsmitglieder" hinter Nawalny-Anschlag https://www.spiegel.de/politik/ausland/mike-pompeo...

[9] Spiegel: Der russische Patient https://magazin.spiegel.de/SP/2020/...

[10] Zwei kritische Artikel zu Nawalnys Ideologie:
https://vg-saveliev.livejournal.com/...
https://republic.ru/posts/l/966223
Hinweise zur Übersetzung von Webseiten https://www.mentopia.net/public/website_translation.pdf


[12] Tagesspiegel: Klug wählen gegen den Kreml https://www.tagesspiegel.de/politik/stimmungstest...
Tagesschau: Mit "Smart Voting" gegen den Kreml https://www.tagesschau.de/ausland/smartvoting...


[14] Anfragen bzgl. Integrity Initiative im britischen Unterhaus:
https://questions-statements.parliament.uk/...
https://hansard.parliament.uk/Commons/...

[15] Команда ФБК: Team Фонд борьбы с коррупцией (Anti-Korruptions-Stiftung) https://fbk.info/about/
Команда Навального bedeutet in diesem Kontext "Team Nawalny", команда kann auch Kommando als Weisung, Befehl, Order oder Kommando als Mannschaft, Trupp, Operation und anderes heißen. Man kennt das auch aus anderen Zusammenhängen wie von der russischen Voice-Version, zum Beispiel war das kleine Supertalent Jasja Degtjarewa - hier ein Text über sie - bei Голос Дети (Voice Kids) im Команда Билан (Team Bilan) ihres Coaches Dima Bilan.

[16] Bezogen auf die Chemikalie lautet die korrekte Übersetzung "das Neue", was bei der Übersetzung vom Russischen ins Deutsche und umgekehrt wegen des Fehlens unbestimmter Artikel vor Substantiven in der russischen Sprache von virtuellen Übersetzern oft nicht oder weit unter "ferner liefen" angegeben wird. Der новичок ist ein "человек, только начинающий свою работу с чем-либо или новый в обществе" ("eine Person, die gerade mit etwas anfängt oder neu in einer Gesellschaft ist", Wikipedia.ru). Die Übersetzung als "Neuling" bezieht sich also auf Menschen und nicht auf Sachen. Im Übrigen stammt der Name Nowitschok nicht von den Russen - dort hieß es "Foliant"-Programm -, sondern wurde vom Westen vergeben. Ich bleibe aber der besseren Verständlichkeit wegen bei dieser Bezeichnung, wenn auch ungern.
Quelle: Программа "Фолиант" - Programm "Foliant" (mit Foto des Entwicklerteams) https://www.proekt.media/narrative/...

[17] The Bell: The scientist who developed "Novichok" https://thebell.io/en/the-scientist-who-developed-novichok...
NCBI: Novichok agents: a historical, current, and toxicological perspective https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/...
Nowitschok - Chemie und Wirkungsweise https://de.wikipedia.org/wiki/Nowitschok
Scienceblog.at: Nowitschok aus Sicht eines Chemikers http://www.scienceblog.at/nowitschok...

[18] NCBI: Novichoks Dangerous Fourth Generation https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/...
Übersetzung des Zitats: »Es liegen keine bestimmten Daten zur Toxizität vor, es wird jedoch geschätzt, dass die mittlere letale Konzentration von A-234 7 mg / m3 beträgt. Dies bedeutet, dass die Hälfte von 70 kg schweren Männern bei leichter körperlicher Aktivität - 15 Liter Luft pro Minute einatmen - innerhalb von zwei Minuten nach der Exposition sterben würde. Dies entspricht einer mittleren letalen Dosis von 0,2 mg über die Atmung.«


[20] Deutsche Apothekerzeitung: Nawalny wurde mit Nowitschok vergiftet https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/...
Deutsche Apothekerzeitung: Nervenkampfstoff Nowitschok - Die Chemie des Anschlags von Salisbury https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/...

[21] Rureporter.com: Ядовитый источник (Giftige Quelle) http://rureporter.com/news/33586
Wenn in den Zitaten von Rureporter.com von einem "Projekt" die Rede ist, meint es sich selbst - das in San Francisco, Moskau, Kiew, Riga und Vilnius ansässige Projekt Российский Репортёр, an dem Reporter mitarbeiten, die ansonsten für die BBC, Forbes, Газета und РБК arbeiten.
Das Hotel "Xander" https://xanderhotel.ru/
BBC: Интервью с Марией Певчих https://www.bbc.com/russian/features-54204627
Bild: Wasserflaschen flogen im deutschen Rettungsflieger mit https://www.bild.de/politik/2020/politik/nawalny...
Welt: Befunde weisen auf Vergiftung von Kreml-Kritiker Nawalny hin https://www.youtube.com/watch?v=m8hwk4l4_nY
Bild: Julia Nawalnaya sitzt täglich über 10 Stunden am Bett ihres Mannes https://www.youtube.com/watch?v=9yFj1Fl15FQ

[22] RBK: Соратники Навального объяснили происхождение бутылки с "Новичком" (Begleiter von Navalny erklärten die Herkunft der Flasche mit Nowitschok https://www.rbc.ru/society/...
ГосНИИОХТ ist das Государственный научно-исследовательский институт органической химии и технологии, das Staatliche Forschungsinstitut für Organische Chemie und Technologie. https://gosniiokht.ru/

[23] Pressemitteilung 306 der Bundesregierung vom 2. September 2020 https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/...
Tagesspiegel: Labore in Frankreich und Schweden bestätigen deutschen Befund https://www.tagesspiegel.de/politik/nawalny...

[24] Die Presse: Nawalny soll mit neuer Nowitschok-Version vergiftet worden sein https://www.diepresse.com/5866161/nawalny...
Zeit: Neue Nowitschok-Variante bei Alexej Nawalny nachgewiesen https://www.zeit.de/video/2020-09/...

[25] Telepolis: Wurde das Video inszeniert? https://www.heise.de/tp/features/Nawalny...
Anti-Spiegel: Video zeigt unterschiedliche Uhrzeiten https://www.anti-spiegel.ru/2020/durchsuchung...

[26] Das Video auf Nawalnys Instagram-Account https://www.instagram.com/p/CFOnffrHZ0d/

[27] Ich habe das Video auf der Instagram-Spiegelseite Imginn heruntergeladen, weil die Seite einen einfachen Download der Inhalte ermöglicht - im Gegensatz zu Instagram selbst. Dort muss man entweder den Direktlink zum Content im Quelltext suchen oder ein Hilfsprogramm nutzen - und in der Regel mit einem eigenen Account angemeldet sein.
https://imginn.com/p/CFOnffrHZ0d/
Ich habe die Screenshots nicht im Browser, sondern mit dem VLC Media Player erstellt, weil das damit zeitbezogen sehr viel exakter möglich ist. Ich habe im VLC die Snapshot-Funktion auf F12 gelegt und halte die Taste während der Videosequenz einfach gedrückt, was dann 12 bis 15 PNG-Dateien pro Sekunde ergibt - wenn der Rechner bzw. die Grafikkarte mitspielt. Wenn nicht, friert der VLC während der Prozedur ein und kann nur noch "abgeschossen" werden. Die Snapshots wurden wie in den obigen Bildbeschreibungen angegeben bearbeitet.

[28] Kyiv Post: I don't believe Kremlin ordered poisoning of Navalny https://www.kyivpost.com/ukraine-politics/ilya-ponomarev...
Die Übersetzung wurde übernommen aus Russland.news: Bekannter russischer Putin-Kritiker stellt längst fällige Frage http://www.russland.news/bekannter-russischer...

[29] The Grayzone: In Navalny poisoning, rush to judgment threatens new Russia-NATO crisis https://thegrayzone.com/2020/09/06/...
Der Autor - Wikipedia: Fred Weir https://en.wikipedia.org/wiki/Fred_Weir
Twitter: Fred Weir https://twitter.com/fredweir3
The Christian Science Monitor: Fred Weir https://www.csmonitor.com/About/People/Fred-Weir
Übersetzung der Zitate in der Reihenfolge ihrer Verwendung:
»Es ist marginal in der russischen Politik. Es ist derzeit keine Bedrohung für den Kreml. Nawalny ist kaum mehr als ein Ärgernis, und ich kann nicht glauben, dass Putin ihn durch einen verpatzten Versuch, ihn zu ermorden, oder sogar durch einen wirksamen Mord an die Spitze der politischen Tagesordnung der Welt bringen würde. Es macht für mich einfach keinen Sinn. [...]
Zunächst einmal bin ich mir ziemlich sicher, dass russische Geheimdienste - und ich stelle dies als Frage, nicht als Polemik -, aber russische Geheimdienste, denke ich, wissen, wie man effizient tötet, ohne eine wirklich laute, skandalöse Spur zu schaffen, die zu sich selbst führt. Und die Verwendung von irgendetwas mit dem Namen "Novichok" pflanzt eine Flagge mit der Aufschrift "Russische Geheimdienste", "Kreml". [...] Ich meine, ich denke, die Leute sollten verstehen, dass Russland ein großes, weitläufiges Land ist. Es gibt viele, viele sich überschneidende Eliten, die Putin in den letzten 20 Jahren ziemlich effektiv verwaltet hat, aber er kontrolliert nicht alles. [...]
Die Leute glauben an eine bestimmte Kette von Ereignissen. Es spielt keine Rolle, wie schwach und faktenfrei das ist. Es ist unmöglich einzudringen. Und auf der einen Seite ist es Putin, der Diktator, der seine Gegner ermordet, er benutzt die fortschrittlichsten tödlichen Nervenagenten und seine rücksichtslosen Agenten töten Menschen und sie lügen nur darüber. Auf der anderen Seite, und das weiß ich über Russen, denken sie zunehmend, dass westliche Medien lügen. Und ich meine, selbst liberale Russen, die früher ziemlich pro-westlich waren, schauen sich Dinge an, die geschrieben werden, schütteln den Kopf und denken, nein, das ergibt für uns keinen Sinn. Und zunehmend ziehen sich die Russen zurück und sehen es als antirussische Propaganda an; Dinge werden erfunden, um uns zu verleumden. Und zwischen diesen beiden Positionen gibt es kein Tageslicht. Man kann sie einfach nicht versöhnen, und ohne dass ein Dialog stattfindet, werden sie immer schwieriger und es wird immer schlimmer. Aber ich sehe auf beiden Seiten ehrlich gesagt keine Hoffnung, dass Sie diese beiden Erzählungen überbrücken könnten.«

[30] Üblicherweise wird der Whataboutism für ein unzulässiges Argumentationsmuster gehalten, was er aber nicht ist, er kann allenfalls nutzlos, weil nicht zielführend, und möglicherweise denunziatorisch sein. Ein einfaches Beispiel - wenn der Papi den Sohnemann ermahnt, er habe schon wieder gepopelt und der kleine Björn-Oliver den Vorwurf an unbeteiligte Dritte mit der Feststellung weiterreicht, seine kleine Schwester, die Nele-Frederika, habe doch auch gepopelt, dann ist Björn-Olivers Whataboutism nutzlos und denunziatorisch. Erwidert Björn-Oliver Papis Vorwurf jedoch mit dem Hinweis, der habe doch vorhin erst heimlich geraucht, obwohl die Mami ihm das ausdrücklich verboten hat, dann ist dieser Whataboutism zielführend und höchstwahrscheinlich erfolgreich, weil Papi das Vergehen seines Sprösslings umgehend vergisst und nun mit der Frage beschäftigt ist, ob der Kleine ihn bei Mami verpetzt und mit ein bisschen Glück schlägt Björn-Oliver sogar zehn Euro Taschengeldbonus heraus. Allgemein formuliert soll ein zielführender Whataboutism die Argumentation des Anderen im Disput als scheinheilig, heuchlerisch und/oder verlogen entlarven und so verwende ich ihn auch - wenn ich ihn verwende.

[31] Bergman, Ronen: Der Schattenkrieg. Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018
Ronen Bergman https://de.wikipedia.org/wiki/Ronen_Bergman
Chalid Maschal https://de.wikipedia.org/wiki/Chalid_Maschal
Mahmud al-Mabhuh https://de.wikipedia.org/wiki/Mahmud_al-Mabhuh
FAZ: Bilanz von Obamas Drohneneinsätzen https://www.faz.net/aktuell/politik/kampf-gegen-den-terror/...


[33] SZ: BND beschaffte Nervengift "Nowitschok" in den 90er Jahren https://www.sueddeutsche.de/politik/geheimdienste-bnd...
Spiegel: BND beschaffte Probe von Nervengift Nowitschok https://www.spiegel.de/politik/deutschland/nervengift-nowitschok-bnd...
Spiegel: Auch Tschechien forschte an Nervengift Nowitschok https://www.spiegel.de/politik/ausland/auch-tschechien...
OPCW - Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons
https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_für_das_Verbot_chemischer_Waffen

[34] OPCW Issues Report on Technical Assistance Requested by Germany
https://www.opcw.org/media-centre/news/2020/10/...
SUMMARY OF THE REPORT ON ACTIVITIES CARRIED OUT IN SUPPORT OF A REQUEST FOR TECHNICAL ASSISTANCE BY GERMANY (TECHNICAL ASSISTANCE VISIT - TAV/01/20)
https://www.opcw.org/sites/default/files/documents/2020/...
Übersetzung des Zitats: »Die Ergebnisse der von der OPCW benannten Laboratorien für biomedizinische Proben, die vom OPCW-Team gesammelt und mit der Bundesrepublik Deutschland geteilt wurden, durch die OPCW bestätigen, dass die in den Blut- und Urinproben von Herrn Navalny gefundenen Biomarker des Cholinesterasehemmers ähnliche strukturelle Eigenschaften wie die toxischen Chemikalien aufweisen mit der Zugehörigkeit zu den Listen 1.A.14 und 1.A.15, die während der vierundzwanzigsten Tagung der Konferenz der Vertragsstaaten im November 2019 in den Anhang zu den Chemikalien des Übereinkommens aufgenommen wurden. Dieser Cholinesterasehemmer ist nicht in der Liste aufgeführt Anhang über Chemikalien zum Übereinkommen.«

[35] Dichlorvos in/bei ...
... Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Dichlorvos
... Cornell University: Pesticide Active Ingredient Information http://pmep.cce.cornell.edu/profiles/insect-mite/...
... European Chemicals Agency https://echa.europa.eu/information-on-chemicals/...
... Gifte.de http://www.gifte.de/Chemikalien/dichlorvos.htm
Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie Zürich: Dichlorvos - Toxizität https://www.vetpharm.uzh.ch/...
Bundesamt für Bevölkerungsschutz Bern: Factsheet Sarinhttps://labor-spiez.ch/pdf/de/...

[36] Militärisch-industrieller Komplex https://de.wikipedia.org/wiki/Militärisch-industrieller_Komplex
Eisenhower's farewell address (Text) https://en.wikisource.org/wiki/Eisenhowe...(press_copy)
Eisenhower's farewell address (Video) https://www.youtube.com/watch?v=OyBNmecVtdU

[37] "Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet."
Mit diesem Satz beendet Karl Marx seine "Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei", die er April/Mai 1875 verfasste und auch als "Kritik des Gothaer Programms" (der SPD) bekannt sind. Der Text wurde erstmals in "Die Neue Zeit", Nr. 18, 1. Band, 1890 - 1891 veröffentlicht und sind in der Marx-Engels-Werkausgabe (MEW) in Band 19 auf Seite 32 zu finden. Das Zitat adaptiert Ezechiel 3.19: "Wenn du aber den Gottlosen warnst und er sich nicht bekehrt von seinem gottlosen Wesen und Wege, so wird er um seiner Sünde willen sterben, aber du hast dein Leben errettet."
Das Zitat verwende ich seit einiger Zeit nach Texten, die mich trotz umfangreicher Recherche ratlos und beziehungsweise nach derselben ziemlich deprimiert zurücklassen.

[Hinweis] Ich hatte mich im Abschnitt "Fragen über Fragen - die Nebelwand" mit den Zeiten komplett vertan, weil ich die Zeitverschiebungen in den verschiedenen Zeitzonen in Russland nicht beachtet beziehungsweise nicht verstanden hatte und ihnen auch nicht die Priorität einräumte, die sie verdient hatten. Das betrifft konkret Nawalnys Aufenthalt im Flughafencafé und die Start- und Landezeit seines Fluges. Außerdem verdanke ich dem aufmerksamen Leser Hinweise zu Maria Pewtschichs Aktivitäten, die ich im selbem Abschnitt einarbeitete. In einem kleinen Disput über die Interpretationsmöglichkeiten bezüglich der Uhren in Nawalnys Hotelzimmer fanden wir zwar keinen gemeinsamen Nenner, allerdings habe ich den Abschnitt "Ein seltsames Video aus Tomsk" um weitere Deutungsvarianten ergänzt.

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