1945 - Erinnerungen meiner Mutter an das Kriegsende

Am 9. Mai 2020 jähren sich der Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches und damit das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zum 75. Mal. Das ist mir Anlass, die Erinnerungen meiner Mutter Renate Kupfer an jene Zeit hier zu veröffentlichen - sie war damals elf Jahre alt. Ich fand den mir bis dahin unbekannten Text im Nachlass meines Vaters und ich weiß nicht, wann und aus welchem Anlass er entstand.

Ich vermute, dass meine Mutter den Text Ende der 1980er Jahre niederschrieb, sein abruptes Ende könnte sich aus dem plötzlichen Tod meiner Mutter am 19. Februar 1989 im Alter von 55 Jahren erklären. Der Text ist den hinterlassenen Memoiren meines Vaters Rudi Kupfer entnommen, nähere Informationen zum Buch finden Sie hier.

»Es begann also das Jahr 1945, das für unser persönliches Leben so einschneidend war, denn auch wir Kinder empfanden die Last des Krieges und des nahenden Zusammenbruchs stark. Die Bombenangriffe und das Überfliegen unserer Stadt Bitterfeld - Ziel und Richtung dieser grässlichen, silbernen Vögel und der damit verbundenen Geräusche war ja die Reichshauptstadt Berlin - belastete uns Kinder sehr. Die ohnehin wenigen Schulstunden verbrachten wir in den entsetzlichen Betonklötzen der Luftschutzbunker, wobei ich mir immer gleich einen Platz an den wenigen Luftschächten suchte, um nicht von einem Gefühl des Erstickenmüssens befallen zu werden. Die Fliegeralarme während der Nacht waren noch schlimmer, aus dem Schlaf gerissen griff man, ohne richtig wach zu werden, sein vorgefertigtes Umhängeschild, auf dem die Anschriften der nächsten Angehörigen und die Feldpostnummer des Vaters stand, sowie den kleinen Rucksack, in dem ein wenig Zwieback oder Knäckebrot als eiserne Reserve war, und wir Kinder torkelten mehr als wir liefen in den Keller. Auf einem Feldbett liegend warteten wir auf die Entwarnung, um dann durchgefroren - aber froh, wieder einmal davongekommen zu sein - in unsere Betten zu kriechen und in einem Alter von guten zehn Jahren schnell wieder einzuschlafen. Von mir kann ich sagen, dass ich schon damals Zweifel hatte, dass unser, mit ein paar Balken - die hießen wohl Stempel - abgestützter Keller uns Schutz bieten würde gegen die Grausamkeit der Bomben. Damals waren es die Phosphorbomben, die uns ängstigten, deren infernalische Vernichtungskraft wir von den Bildern aus Hamburg und später auch Dresden erahnten. Mich drängte es immer, im Hausflur zu stehen, ich fühlte mich in den Betonklötzen der Gefahr ausgesetzt, lebendig begraben zu werden, aber unsere Mutter achtete unerbittlich darauf, dass die Anordnungen des Luftschutzwartes bis aufs I-Tüpfelchen eingehalten wurden!

So verbrachten wir also die ersten drei bis vier Monate des Jahres 1945. Dann kam der von vielen doch irgendwie erhoffte Panzeralarm, denn irgendein Ende dieser unerträglichen Situation sehnten wohl alle noch im Lande verbliebenen herbei und das waren ältere Frauen, Kranke, Greise und wir Kinder. Dann ging alles ziemlich schnell und wir bemerkten nicht sehr viel - Geschützdonner und das dumpfe Dröhnen näher rückender Panzer erfüllte unsere Tage, die wir nun auch im Keller verbrachten. Wir waren recht isoliert und voller Angst vor dem Ungewissen. Dann kamen eines Tages, es war gegen Ende April 1945, plötzlich laut polternd amerikanische Soldaten in unser Haus und unseren Keller und suchten alkoholische Getränke. Zum ersten Mal sah ich farbige Amerikaner hautnah, wir hatten große Angst vor ihnen, sie taten uns aber nichts. Der Krieg war für uns beendet und wir gehörten zur amerikanischen Besatzungszone. Die Mulde, so schätzungsweise zwei bis drei Kilometer hinter unserer Siedlung Richtung Dessau fließend, war die Grenze zur russischen Zone. Über diese - die Muldebrücke der Bahnlinie Halle-Berlin hatten die Deutschen noch gesprengt - kamen Tag und Nacht in halsbrecherischen Aktionen über die Ruinen der Brücke kletternde oder durchs eiskalte Wasser schwimmende, aus dem Osten flüchtende Menschen. Das waren auch Soldaten, die nach Hause wollten und die ihre Uniformen in den ersten Häusern, die sie erreichten, gegen Zivilkleidung tauschen wollten. Was aber bald unmöglich war, denn die Frauen wollten und konnten ja nicht die letzten Sachen ihrer Männer und Söhne weggeben, aber im Gedenken an die gefallenen oder gefangenen Männer, Väter und Söhne gab wohl jeder doch noch heraus, was irgendwie möglich und entbehrbar war. Schließlich hoffte jede Familie, bald den ihren, wenn er kriegsgefangen war, nach monatelangem Nichtsmehrhören wieder bei sich zu haben. Ich lief immer wieder zu der gesprengten Muldebrücke hin, wo auf einem mächtigen Betonbrocken ein toter Soldat lag, vielleicht angeschwemmt oder beim versuchten Überqueren der Mulde verunglückt. Ich war wie besessen von dem Gedanken, es könnte mein Vater sein, er war aufgedunsen und entstellt und passte äußerlich so gar nicht zu dem Bild, das von meinem Vater in mir war und trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los - es war der erste tote Mensch, den ich bis dahin gesehen hatte.

Dann kam der 8. Mai, der Tag der Kapitulation, ein Dienstag - und die Veränderungen im weltpolitischen Geschehen brachten es mit sich, dass das von der Sowjetunion beanspruchte Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches weiter nach Westen verlagert wurde. Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt und wir gehörten nun zu der russischen. Vor den Russen hatten wir mächtige Angst, muss ich gestehen, die jahrelange Propaganda und die Erzählungen der Flüchtlinge, mit denen wir in Berührung kamen, taten das ihrige. Heute weiß ich, dass der ganze Krieg, das Zwingen von eigentlich arglosen und oft noch kindsköpfig-jugendlichen Menschen, rücksichtslos anderes Leben auszulöschen, ohne überhaupt einen Gedanken an das Warum und Weswegen zu verschwenden, Menschen in solchen Situationen böse, roh und animalisch macht. Das war, wie ich auch immer wieder in der Literatur fand, in den römischen Legionen und dem viel beschriebenen 30-jährigen Krieg so und das ist in dem 1945 beendeten Krieg nicht anders gewesen und wird so bleiben, solange das Übel an sich - die verfluchten Kriege, das infernalische Sichüberbieten in der Produktion von Waffen, das Verkaufen dieses Teufelszeugs in alle Winkel der Welt und die moral- und gewissenlose Manipulation der Menschen - nicht aufhört. Jedenfalls kamen wieder Soldaten, diesmal russische, in unsere Siedlung und durchsuchten die Häuser. Unsere Mutter versteckte uns Kinder im leeren, aber trotzdem dunklen Kohlenkeller, doch die Soldaten taten uns nichts, sie waren zwar, wie ihre amerikanischen Kollegen, laut und polterten im Haus, waren aber ansonsten friedlich und - im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen - an eher nützlichen Dingen interessiert. Sie schoben das alte Motorrad des Vaters vom Hof, ließen uns aber immerhin von den drei Fahrrädern eines und auch von den beiden Ziegen im Stall nahmen sie nur eine mit.

Wir halbwüchsigen Kinder wurden nun verstärkt in den Kampf ums Überleben der ersten, schlimmen Nachkriegsjahre einbezogen. Das war in erster Linie das Auflesen aller sich bietenden Feldfrüchte. In Scharen fuhren die Mütter mit ihren Kindern auf alten, klapprigen Fahrrädern während der Erntezeit - und die zog sich lang hin - in den späten Abendstunden der Dämmerung in die Felder, um erst von August an in den abgeernteten Getreidefeldern die liegengebliebenen Ähren und später bis in den November hinein mit eiskalten, erstarrten Fingern die kleinen Zuckerrübenabschnitte aufzulesen. Aus letzteren wurden in aufwendiger Aktion im Waschkeller Rübensaft und Rübenmus durch Zusatz von Möhren gekocht. Dank der großen Rührigkeit meiner Mutter Elsbeth Eichmann, geborene Wecke, haben wir zwar immer Hunger gehabt, aber nicht regelrecht hungern müssen. Was mich noch mehr beeindruckte und mich lange bewegte, waren die Bemühungen, an Heizmaterial zu kommen, speziell in dem schlimmen Winter 1945/46 und danach auch noch. In unserer Gegend, in Mitteldeutschland, konnte man sich nicht mit Holz versorgen, da war so gut wie nichts. Täglich fuhren aber auf der Bahnstrecke in Richtung Berlin, die nur durch ein schmales Feld von unserer Siedlung getrennt war, lange Güterzüge mit Kohle aus den umliegenden Tagebauen beladen vorbei und die mussten anhalten, da die notdürftig reparierte Muldebrücke nur eingleisig zu befahren war. Vor dem Signal, nicht weit von uns entfernt, hielten die Züge und das war zugleich das Signal für uns Kinder, die im Hausflur bereit liegende Säcke zu greifen und in Windeseile quer über das Feld zu rennen, im Laufen schon mit Augen und Hirn erfassend, welche Wagen nicht allzu hoch und für uns Kinder zu erklimmen waren. Dort spielte sich oft ein brutaler Kampf um den kleinen Tritt der Wagons ab, um sich brutal gegen andere, vielleicht kleinere oder schwächere, auf dem knappen Tritt zu behaupten und dann auf den Güterwagen zu klettern, um in Windeseile so viele Kohlen wie nur möglich auf die Böschung des Bahndammes zu werfen, immer den eigenen Haufen im Auge behaltend. Die inzwischen nachkommende Mutter las schnell alles in den Sack, danach kam noch die Nachlese der Alten und Kranken, die nicht auf den Wagen klettern konnten oder heruntergestoßen wurden und sich mit den liegen gebliebenen, kleinen Stücken begnügen mussten. Es war schlimm und gefährlich, was wir da zu tun gezwungen waren. Meine Mutter, insbesondere später auch, als er wieder zuhause war, mein Vater litten darunter, uns zu solchen Handlungen bewegen zu müssen. Einmal schaffte es mein kleiner Bruder, er war gerade sieben Jahre alt, nicht mehr, rechtzeitig vom Wagon zu klettern, als das Signal umschaltete und der Zug losfuhr. Für diesen Fall hatte uns unsere Mutter eingetrichtert, auf gar keinen Fall vom rollenden Zug zu springen, sondern bis zum nächsten Signalhalt mitzufahren, dann herunterzuklettern und am Bahndammrand zu warten, bis wir abgeholt würden. So lief meine Mutter fast fünfzehn Kilometer die Bahngleise entlang, bis sie meinen Bruder hinter Burgkemnitz am Bahndamm hockend fand. Natürlich mussten sie die Strecke auch wieder zurücklaufen, es war spät in der Nacht, als beide zuhause ankamen. Aber wir Kinder empfanden das gar nicht so schlimm, es war mehr eine Art Sport und den abschätzenden Blick, ob erklimmbar oder nicht, wenn ein Güterwagen kommt, habe ich lange behalten, das heißt, gelegentlich ertappe ich mich heute noch manchmal dabei. Auch von Staatsseite wurde diese Art der Versorgung eher geduldet als bekämpft. Jeder Zug wurde zwar von der Bahnpolizei begleitet, die taten aber wenig, waren sie vorn am Zug, dann klauten wir hinten und umgekehrt. Die Not der Menschen führte natürlich auch zu direkt kriminellen Handlungen, aber solche Dinge kamen für meine Eltern, die sehr stark den Ehr- und Ordnungsbegriffen des Preußischen Staates und des Kaiserreiches verhaftet waren, nicht in Frage. Im Gegenteil, ich habe oft beobachtet, dass meine Mutter bei der Feldlese oder der Kohlebeschaffung Alten, Schwachen oder Weggestoßenen Kartoffeln, Rüben und Kohlestücke aus unserer Beute zusteckte. Ich verstand das damals als Kind nicht und habe erst später begriffen, warum sie das tat.«



Meine knapp vier Jahre alte Mutter mit ihrem Vater am 06.08.1937 in Drewitz, der Stammsitz der Familie meiner Großmutter


Meine Mutter im November 1941 mit ihrer Schulklasse in Bitterfeld


Mein Großvater Fritz Eichmann 1942 kurz nach der Einberufung zum Kriegsdienst und wenige Tage vor dem Abmarsch an die Ostfront.


Konfirmation meiner Mutter im Mai 1949 mit ihren Eltern und ihrem Bruder


Meine Großeltern bei der Konfirmation meiner Mutter im Mai 1949

»Inzwischen war es Sommer geworden und im Herbst des Jahres 1945 stand der Schulbeginn für mich in der Mädchenoberschule am anderen Ende der Stadt vor der Tür. So recht kann ich mich nicht mehr erinnern, es fiel mir offenbar nicht sehr schwer mitzukommen, denn richtig lernen brauchte ich nicht und ich hatte wohl auch nicht sonderlich viel Lust dazu. In der wirklich raren Freizeit machte ich mich über die Bücher in dem elterlichen Bücherschrank her. "Prisonnière Hahn" war eines der ersten, ich verstand zwar erstmal absolut gar nichts, aber allmählich erschloss sich doch eine Dimension, die mir Elfjähriger noch nicht bekannt sein konnte. Wir Nachkriegskinder sind durch eine harte Schule gegangen, dieses Volleingespanntsein in den Kampf ums tägliche Überleben hat auch irgendwie diszipliniert. Ich verwaltete die Lebensmittelmarken der Familie und teilte sie mit ein, so dass es bei uns - bis auf ein Mal - nie vorkam, dass gegen Ende des Monats nichts mehr da war und regelrecht gehungert wurde, wie bei vielen Menschen geschehen. Eisern wurde durch die Anzahl der Wochen geteilt, so dass immer etwas von den zugeteilten Dingen da war. Das waren in der Hauptsache als Dreh- und Angelpunkt die Fleisch-, Butter- und Zuckermarken. In großer Erinnerung ist mir dabei ein Fall - das war aber schon ein paar Jahre später - als ich mir, ich sehe das Geschäft heute noch vor mir, an einem Schaufenster eines Bäckerladens die Nase platt drückte, um die dort ausgestellten Köstlichkeiten wenigstens ansehen zu können. Als ich wieder auftauchte in die Wirklichkeit, musste ich bei einem Kontrollgriff nach der Markentasche feststellen, dass irgendjemand mir diese geklaut hatte. Nur mit viel Fantasie kann man sich meinen unglaublichen Schrecken und die furchtbare Angst vor der Offenbarung dieser Tatsache bei meiner Mutter vorstellen. Ich wurde sehr geschlagen, aber gewisslich nicht aus Sadismus, sondern die Pein, uns den Monat ohne diese Marken ernähren zu müssen, war der Anlass. Aber irgendwie haben wir auch das geschafft.

Nun will ich berichten von den Änderungen in unserem persönlichen Leben, die hervorgerufen wurden durch die grundsätzlichen Änderungen, die sich in dem Teil des Landes, in dem wir lebten - der sowjetischen Besatzungszone - vollzogen. Nachdem das Volk über alle Untaten der Nazis - allem voran über die Konzentrationslager, in denen Millionen Juden und alle dem Staat missliebigen Menschen auf entsetzliche Weise gequält und umgebracht worden waren - ausführlich über Funk und Presse informiert wurden - ich verfolgte gespannt die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg im Radio - war für viele klar, dass ein neues und besseres System aufgebaut werden musste. Für uns in der Sowjetzone sollte das ein sozialistisches sein. Dazu gehörte, dass mein Vater nicht mehr als Oberinspektor im Verwaltungsdienst des Ordnungsamtes tätig sein konnte. Die sichere Position als Beamter auf Lebenszeit nach schrecklichen Jahren der Arbeitslosigkeit war vorbei! Doch zuerst musste er ja mal wieder von irgendwoher aus der Gefangenschaft wiederkommen, denn an die noch schlimmere Möglichkeit, dass er nie wieder käme, wollten wir nicht denken. Hatten wir ihn auch als strengen Vater in Erinnerung, so gab es viele gute Dinge an und Erlebnisse mit ihm, an die wir gerne dachten. Als Vorbote von ihm kam zunächst ein schrecklich dünner, junger Man, der brachte Nachricht und Grüße aus einem Gefangenenlager in Rumänien. Auf meiner Mutter besorgte Frage, ob es denn tatsächlich der bewusste Fritz Eichmann sei, erwähnte der junge Mann, dass der Fritz wohl gerade aus einem alten, gefundenen Lehrbuch Spanisch lerne. Ja, da war es klar, das war typisch für unseren Vater! Und eines Tages stand er dann alt, verlaust und zerlumpt mit großen Hungerödemen an den Beinen in der Türe. Ja, er kam uns alt vor, obwohl er eigentlich sportlich war und wirkte - am 6. August 1898 geboren war er für mich ja auch relativ alt. Mutter zog ihn regelrecht in die Waschküche, verbrannte das verlauste Zeug und wusch ihn, dank ihrer fürsorglichen Wirtschaftsführung päppelte sie ihn auf und die Ödeme verschwanden auch bald bei regelmäßiger Nahrungszufuhr. [1 Anmerkung]

Große Sorge bereitete nun das Finden einer Arbeit. Geeignet war eigentlich nur Büroarbeit in irgendeiner Form, aber diese Stellen waren mit Leuten besetzt oder für Leute vorgesehen, die glaubhaft machen konnten, in der vergangenen Epoche keine Nazis gewesen zu sein. Nicht weniger wichtig war das Einstufen in die der Schwere der Arbeit entsprechende Lebensmittelkartenkategorie. Bitterfeld ist ja ein Industriegebiet und so erfuhr er, dass in dem ehemaligen I.G. Farbenindustrie, jetzt Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld, Elektroschweißer gesucht beziehungsweise in Kurzlehrgängen ausgebildet wurden. Ich finde es heute, wo ich im gleichen Alter bin, erstaunlich, wie mein figürlich sehr zierlicher und vom Alter her - er war ja über 50 Jahre alt – gewiss nicht mehr jugendlicher Vater sich entschloss, die letzte Phase seines Arbeitslebens mit solch grundlegender Änderung zu beginnen - zumal er sich eigentlich nur mit Verwaltungsakten und in der Freizeit mit Büchern und mit Hingabe seinen vielfältigen Beobachtungen in Natur und Pflanzenwelt beschäftigt hatte.
Ein wesentlicher Gesichtspunkt war wohl der Erhalt der höchsten Lebensmittelkartenstufe für diese körperlich schwere Arbeit, um uns Kindern mehr zukommen lassen zu können. Ich erinnere mich, wie er dann mit zwei, auf der Ofenplatte gerösteten Brotscheiben und zwei Löffeln Zucker in einer leeren, kleinen Backpulvertüte - aber immer mit irgendeinem naturwissenschaftlichen Buch in der abgeschabten Aktentasche - mit seinem Fahrrad losfuhr. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er, der sehr streng und oft unerbittlich beim Durchsetzen von ihm gegebenen Aufgaben war, über diese einschneidende Änderung in seinem Leben verbittert gewesen wäre oder auch nur gemurrt hätte. Die Disziplin und Härte, die er verlangte, brachte er stets selbst auf. Ich denke aber auch, dass er froh war, das Inferno des Krieges überlebt zu haben und - ohne viele Worte zu machen - wusste und verstand, dass er dem System des Hitler, das soviel Leid und Tod über ganz Europa gebracht hatte, nicht nur auf den Leim gegangen war, sondern - wenngleich er sich dem Mittun in der letzten Konsequenz verweigert hatte - ihm lange Zeit gedient und es mitgetragen hatte. Er nahm seine neue Lebenssituation als gegeben hin und mühte sich redlich, mit seinen gerade halb so alten Kollegen mithalten zu können, die - wie das so Menschenart ist - gegen Schwächere gerne ihre Späßchen und Witze mit ihm machten, obwohl oder gerade weil er ihnen geistig haushoch überlegen war. [2 Anmerkung]

Die Jahre 1945 bis 1949 waren die meines körperlichen Erwachsenwerdens und des Herausschlüpfens aus der, durch das Elternhaus vorgegebenen, Norm des Denkens und Handelns. Da ging es mir nicht anders als den heute Heranwachsenden - alles, was zu Hause für richtig und erstrebenswert gehalten wurde, war kritikwürdig und wurde abgelehnt. Nur äußerte sich diese Ablehnung mehr passiv, beziehungsweise man hob sich seine Ansichten und deren Umsetzung für später auf, weil die Strenge meines Vaters einfach nichts anderes zuließ. Die Atmosphäre an der von mir besuchten Mädchenoberschule war eigenartig. In meiner Klasse lernten außer einigen Flüchtlingskindern, die ohnehin wenig Beachtung fanden, hauptsächlich die Mädchen, die auch vor 1945 die Schulbänke in der "Mädchenoberschule Adolf Hitler" bevölkert hatten. Es waren die Töchter von Geschäftsleuten und den höheren Beamten der Stadt und Umgebung. Irgendwie hatten die meisten es besser geschafft als mein Vater, in dem neuen Staat Fuß zu fassen. Und da die Kinder gnadenlos zueinander sein können, ließen einige mich recht heftig fühlen, wie tief wir gefallen waren: Vater, der gefürchtete Chef des Ordnungsamtes, war ein Fabrikarbeiter geworden! Maria B. verdient es für diesen Klüngel extra benannt zu werden, ihr Vater war der Parteivorgesetzte meines Vaters gewesen und irgendwie fühlte sie sich wegen der Fähigkeit ihres Vaters, sich ins neue Regime zu schummeln, berechtigt, mich durch perfide Spitzfindigkeiten zu hänseln - eine Eigenschaft, wie man sie in dieser Intensität eigentlich nur bei Erwachsenen antrifft. Es gab natürlich aber auch liebe und nette Mitschülerinnen wie Marianne R., die mir die Welt des Karl May erschloss, zur damaligen Zeit waren seine Bücher hier im Lande unter dem neuen Regime nicht erwünscht, das änderte sich erst später. Ich beschäftigte mich so intensiv mit dem Milieu und dem Geschilderten, dass ich dann immer in Versuchung war, mit merkwürdig nach außen gestellten Füßen einherzuwatscheln, wie ich glaubte, dass eine Squaw das eben täte. Wohl dreißig seiner Bücher habe ich regelrecht verschlungen, immer aufs Neue gefangen von dieser Abenteuer- und Indianerwelt, die so fern und bunt und edel war, aber wohl recht erheblich von der Realität abwich. Ein Anreiz, sich auf den Weg zur Schule zu machen, war die Ausgabe eines großen Brötchens - es wird wohl zwei Normalbrötchen entsprochen haben - an jeden Schüler jeden Tag, darauf warteten wir mit knurrendem Magen. Da aber die Beschaffung des Mehls manchmal stockte, geschah es immer wieder, dass es erst mehrere Tage nichts gab, dafür dann aber eine lange Stange Brötchen ein paar Tage später. So sah man Minuten später in den Klassen Mädchen, die lange Bötchenstangen blitzschnell hinunterwürgten. Allerdings bekamen in der Klasse beliebte Lehrer zu ihren Geburtstagen, die wir ausgekundschaftet hatten, die für den Tag ausgegebenen Brötchen geschenkt und wir waren auf uns selbst richtig stolz ob dieses Opfers. Heute frage ich mich, was der Mann oder die Frau wohl mit den dreißig Brötchen an ihren Ehrentagen angefangen haben. Heute wird das niemand mehr verstehen, da Brot oder gar weggeworfenes Brot keinen mehr aufregt, mich erinnert jedes im Rinnstein liegende Stück Brot an diese heute unglaubliche Zeit.«

[1] Der Überlieferung zufolge stand mein Großvater urplötzlich mit dem Spruch in der Küchentür: "Das staunst du, Alte, was? Hast du nicht gedacht, dass ich den Krieg auch überlebe?", mit Betonung auf "den", und zwar deshalb, weil er schon den Ersten Weltkrieg überlebt hatte. Er hatte sich 1915 im Alter von siebzehn Jahren als Kriegsfreiwilliger gemeldet und kam an der Westfront zum Einsatz und hatte die gesamte Schlacht um Verdun überstanden, während der er mit Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet wurde. (Die Zahl der Verleihungen dieser Auszeichnung war im Ersten Weltkrieg im Vergleich mit dem Zweiten relativ niedrig und die Verleihung der I. Klasse an einfache Soldaten und Schützen eher unüblich.)

[2] Mein Großvater Fritz Eichmann - er wurde am 6. August 1898 in Berlin-Tempelhof geboren und verstarb am 20. Januar 1984 in Aue in Sachsen - war seit 1934 erst in mittlerer, später in hoher Position im Ordnungsamt des Landkreises Bitterfeld tätig, die sehr plötzlich endete. Meine Großmutter ließ im Gespräch - wohl unbeabsichtigt - eine knappe Bemerkung fallen, die mich hellhörig werden ließ, denn dass da Anfang der 1940er Jahre irgendetwas vorgefallen sein musste, hatte ich schon lange aus der Tatsache geschlossen, dass mein Großvater beruflichen Tätigkeiten nachging, deren Anforderungen weit unter seinen Möglichkeiten lagen. Zunächst vermutete ich, das er sich möglicherweise in der Zeit des Nationalsozialismus durch besondere Aktivität hervorgetan hatte, doch dann erfuhr ich, dass eher das Gegenteil der Fall war. Ich fragte meinen Großvater dazu, als ich Anfang der 1980er Jahre in Leipzig arbeitete und deshalb einige Monate bei meinen Großeltern im Haus wohnte. Mein Großvater wollte erst nicht darüber sprechen, doch einige Tage später erzählte er, dass er die Situation nach dem Krieg, seine "Degradierung" zum Arbeiter, als eine Art Sühne dafür ansah, dass er zu lange das System des Nationalsozialismus mitgetragen hatte - und das aus Überzeugung. Er sah es als Buße dafür, dass er sich erst entschloss, sich dem System zu verweigern, als es zu spät war und seine offene Verweigerung nur noch bewirken konnte, dass er eben am weiteren Verlauf nicht mehr unmittelbar beteiligt war, was - konsequent zu Ende gedacht - auch nur Egoismus war - und das war ihm auch bewusst. Er ist, das sollte an dieser Stelle erwähnt werden, nie bei irgendeinem Staats- oder Parteiorgan der DDR damit hausieren gegangen und hat diesen Entschluss nie zur Rechtfertigung vor irgendeiner Instanz zur etwaigen Verbesserung seines Status zum Vortrag gebracht. Auf diese Tatsache, die meine Großmutter, nicht ganz zu Unrecht, als Sturheit interpretierte, in Verbindung mit ihren sehr begrenzten finanziellen Möglichkeiten auf Grund der Tatsache, dass beide von der Mindestrente lebten, bezog sich ihre oben erwähnte Andeutung.
Dasselbe Motiv der Sühne gilt für den Verbleib in der Sowjetzone, er hätte sich bequem und rechtzeitig in die Westzonen absetzen können und hätte dort wahrscheinlich eine zweite Karriere in der Verwaltung gemacht. Die erwähnte Verweigerung bestand darin, dass er seinen Dienst in leitender Position im Ordnungsamt auf einer Sitzung in Anwesenheit des Gauleiters und zahlreicher, regionaler Polizei-, SS- und Parteiführer mit den Worten "DAS wird uns Gott nicht verzeihen!" quittierte. Während dieser Sitzung des NSDAP-Parteigaus Halle-Merseburg, zu dem der Landkreis Bitterfeld damals gehörte, zur Umsetzung der Beschlüsse der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 wurde ihm seinen Worten zufolge schlagartig klar, dass die Realisierung dieser Beschlüsse auf Massenmord hinauslief. Er erhob sich mitten in der Sitzung, legte seinen Dienstausweis auf den Tisch und verließ mit obigen Worten den Saal. Zwei oder drei Tage später wurde er von Feldgendarmen zum Einsatz an der Ostfront abgeholt, was ihm durchaus bewusst war, denn als er an diesem Tag nach Hause kam, packte er einen Koffer mit dem seiner Meinung nach Notwendigsten - das waren hauptsächlich Bücher - und wartete, er ging nicht wieder zum Dienst. Auf dem mittleren Foto in der obigen Bildleiste ist er kurz vor dem Abmarsch an die Front zu sehen und die Schulterklappe lässt erkennen, dass mein Großvater als einfacher Schütze in die 2. Panzerjägerkompanie der Panzerjäger-Abteilung 14 einberufen wurde, die in Halle/Saale am Standort der 14. Infanterie-Division stationierte war. Auf der rechten Seite des Fotos ist über der linken Brusttasche die Bandschnalle zum Eisernen Kreuz I. Klasse zu erkennen. Das Foto ist eigentlich eine Postkarte, die laut Aufdruck im "Atelier für moderne Fotografie Waldemar Schilling" in der Großen Ulrichstraße 62 in Halle a.d. Saale aufgenommen wurde. Es war damals üblich, dass die einberufenen Rekruten wenige Tage vor dem Fronteinsatz eine solche Karte aufnehmen ließen und als oft letzten Gruß an ihre Lieben schickten. In Anbetracht der Tatsache, dass mein Großvater damals bereits 43 Jahre alt war und die neun Jahre davor seit 1933 am Schreibtisch verbracht hatte, davor war er fast fünf Jahre ohne Erwerbstätigkeit, und angesichts der Tatsache, dass die Panzerjäger - insbesondere an der Ostfront - ein echtes Höllenkommando waren, blickt er recht gelassen in die Kamera. Mehr noch - ich glaube, den spöttischen Blick und das leicht höhnische Lächeln zu erkennen, mit dem er seine Zeitgenossen bis zur Weißglut reizen konnte, weil es immer auch ein "Rutscht mir doch alle den Buckel herunter, ihr Idioten!" implizierte.