Mittwoch, 23. August 2017
 

Was übrigblieb - Sozialismus revisited

Im Jahr 2007 begab ich mich auf eine Fotoexkursion, die mir deshalb besonders wichtig war, weil sich meine nähere Bekanntschaft mit dem MfS und der Umstand, daß man sich dort gehalten sah, mir für eine Weile Kost und Logis in einem ihrer Zuchthäuser angedeihen zu lassen, zum fünfundzwanzigsten Mal jährte.

Die Fotos waren allerdings von geringer Qualität, weil meine Kamera sich in den Elektrogerätehimmel verabschiedet hatte und ich auf ein recht betagtes Modell zurückgreifen mußte. Deshalb habe ich die Tour 2008 wiederholt.

Mitte Januar 1990 wurde der Gebäudekomplex Rusche-/Normannenstr. des MfS von Demonstranten besetzt, Mitte Mai wurde beschlossen, dort eine Forschungs- und Gedenkstätte einzurichten, die Anfang November 1990 den regulären Besucherbetrieb aufnahm. Ich hatte mir das aber schon vorher einmal angesehen, nämlich im April 1990, was mit einer gewissen Dreistigkeit recht einfach war. Daher kann ich bestätigen, daß das Interieur - von der mittlerweile wieder entfernten Totenmaske Lenins auf Mielkes Schreibtisch abgesehen - inklusive der wahrhaft musealen Technik nicht im Nachhinein, etwa zur Generierung eines Zonenambientes, dort plaziert wurde, sondern daß man die Einrichtung tatsächlich so vorfand. Mich hat damals dieses Radio nachhaltig beeindruckt, weil schon der elterliche Haushalt über wesentlich modernere Rundfunktechnik aus ostzonaler Produktion verfügte. Die rechte Drehscheibe wurde übrigens nicht von Besuchern geklaut, die fehlte offensichtlich schon bei der Inbeschlagnahme der Räume, früher steckte noch ein Dübel auf dem Metallstift, um das Drehen zu erleichtern. Es waren aber nicht die technologischen Defizite, die mich beeindruckten, sondern dieses Gerät beleuchtete schlaglichtartig die brutale Banalität dieser, in ihrer musealen Form zu einer Art Zonengespensterbahn gewordenen Veranstaltung, die sich "Ministerium für Staatssicherheit" nannte, das in der historischen Rückschau de facto synonym für die gesamte DDR steht. Die wiederum war der staatgewordene Beweis, daß die Begriffe "Ideal" und "Ideologie" dieselbe etymologische Wurzel haben, nämlich das griechische idéa, und daß Ideologien letztlich nichts anderes als pervertierte und zur Obsession gewordene Ideale sind.

Wenn man sich in den Räumen genauer umsieht fällt auf, daß die Geräte - auch ein guter Teil der Fernsprechtechnik - aus den späten Fünfzigern und den frühen bis mittleren Sechzigern stammen, also beginnend aus der Zeit unmittelbar nach Mielkes Ernennung zum Minister im Oktober 1957 nach der Ablösung von Ernst Wollweber. Die nachfolgenden Jahre bis Ende der Sechziger wird Mielke damit verbracht haben, seine Position zu konsolidieren und seine Zuständigkeiten auszubauen. Man darf nicht vergessen, daß in der Ulbricht-Ära viele Posten in der Zonen-Nomenklatura eher Schleudersitzen denn gemütlichen Bürosesseln glichen. Als Mielke 1957 den Posten antrat war keineswegs sicher, daß er den bis zum Ende der DDR besetzt hält, die Karrieren seiner beiden Vorgänger Zaisser und Wollweber endeten über Nacht und mit einem tiefen Fall. In Mielkes Vita gab es diverse Punkte, die durchaus geeignet waren, seiner Karriere und möglicherweise gar seinem Leben unter den damiligen Verhältnissen ein schnelles Ende zu setzen. Statt sich nach dem Spanischen Bürgerkrieg in die Sowjetunion abzusetzen, tauchte er in Frankreich unter, wurde im Dezember 1943 unter seiner falschen Identität als Lette verhaftet und mußte bis Dezember 1944 in der sogenannten "Organisation Todt" Zwangsarbeit leisten, was er zudem seinen Genossen erst 1951 nach Aufforderung mitteilte - etliche andere Kommunisten mit solchen biographischen Wechselfällen verschwanden in sowjetrussischen Gulags. Die Moskauer Exilfraktion der KPD, aus der sich mit der sogenannten Gruppe Ulbricht seit dem 2. Mai 1945 die oberste Führung der Sowjetzone und später der jungen DDR rekrutierte, hat Westemigranten immer mißtraut und erst im Mai 1971 mit der Ablösung Ulbrichts durch Honecker, der die Nazizeit nicht in der Sowjetunion, sondern ab 1937 im Zuchthaus Brandenburg überstand, dürfte sich Mielkes Position soweit gefestigt haben, daß er sich auf seinem Posten sicher fühlen konnte. Honecker holte Mielke 1971 dann auch gleich in das Politbüro des ZK der SED und damit in den innersten Kreis der Macht in der Zone, zunächst - wie es das Prozedere vorsah - als Kandidat. Honecker galt in der DDR als Hoffnungsträger, er leitete zu Beginn seiner Amtszeit soziale Reformen ein, die auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 beschlossen wurden und die als sogenannte "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" bekannt sind. Er ließ mehr politische, kulturelle und wirtschaftliche Freiräume zu als sein Vorgänger Ulbricht - in diese Zeit fällt die stärkste Steigerung der Wirtschaftsleistung der DDR. Gleichzeitig förderte er Verhandlungen um eine internationale Anerkennung der DDR, was im Transitabkommen und später im Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR seinen Niederschlag fand und im September 1973 in der Aufnahme der DDR in die UNO gipfelte.

Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt.
Johann Gottfried Seume

Wenn man diese Fakten in Rechnung stellt und den Eindruck wirken läßt, den Mielkes Diensträume heute noch hinterlassen, läßt das insgesamt nur einen Schluß zu: Spätestens seit 1971 war Mielke ausschließlich mit der Erhaltung des Status Quo und mit der Sicherung der Macht beschäftigt, und zwar in privater Hinsicht als auch in Hinsicht auf die gesamtgesellschaftlichen Interessen und Verhältnisse, als der Hüter Mielke sich berufen sah. Sein Bild von Honecker, von der DDR und vom "Klassenfeind" wurde in dieser Zeit geprägt und offensichtlich kamen nach 1973 keine neuen Einsichten und Erkenntnisse hinzu. Mielke war für den Rest seiner Amtszeit mit aller Hingabe bemüht, den Status Quo zu erhalten, wobei sich Mielkes Dankbarkeit für Honecker in Hinsicht auf seine Karriere und auf Honneckers anfängliche politische Erfolge bald in eine Art Devotheit und Ergebenheit umschlug. Allerdings veranlaßte Mielkes bedingungslose Gefolgschaft Honecker noch lange nicht, ihn in seinen privaten Freundeskreis aufzunehmen, was Mielke sehr enttäuschte. (Der Journalist und Honecker-Biograph Norbert Pötzl hat das hier beschrieben.) Wie dem auch sei - offenkundig schaltete Mielke mit dem Erreichen des Zenits seiner Macht und der Macht der DDR mental auf Leerlauf und blieb in dieser Zeit stehen.

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Gang durch Erich Mielkes Büro

Oft wird dieses Phänomen bei Mielke, das ich hier mentalen Leerlauf benenne, als Zeichen materiellen Desinteresses und besonderer Hingabe an sein Amt dargestellt, wie das beispielsweise eine Angestellte des Museums im Gespräch versuchte. Das ist schlicht Blödsinn, nichtsdestotrotz kann man auch bei westdeutschen Beobachtern lesen, wie das, was als Bescheidenheit und Fleiß wahrgenommen wird, fast schon ehrfürchtig beschrieben wird. Ein bezeichnendes Beispiel liefert der Superillu-Redakteur Gerald Praschl auf seiner Netzseite: "Nur hin und wieder trank er [d.i. Mielke] Alkohol, jeden morgen um sechs ging er schwimmen, Liebschaften neben seiner Frau Gertrud hatte er keine, sein Arbeitstag währte täglich 14 Stunden." Ebenso oft wird, z.B. von Markus Wolf in seinem Buch "Spionagechef im geheimen Krieg", das Phänomen als Verbohrtheit und Stursinn beschrieben. Das greift viel zu kurz und nicht nur bei Wolf hat diese Reduktion des Versagens ad personam auf tatsächliche oder vermeintliche Charakterdefizite Erich Mielkes vordergründig eigennützige Motive. Folgerichtig findet sich dieses Motiv de facto durchgängig in allen Selbstdarstellungen und -rechtfertigungen damals involvierter Menschen. Dieser Grundtenor "Wir wollten nur das Beste, aber Mielke war verbohrt und wenn wir gedurft hätten wie wir wollten, wäre alles besser gewesen und vor allem anders gekommen." zieht sich folgerichtig durch dutzende Bücher und Netzseiten, in bzw. auf denen "Kundschafter des Friedens", NVA-Fallschirmjägerkameradschaften, ehemalige Angehörige der Zonen-Grenztruppen und was es da noch alles gibt, versuchen, vor sich und der Welt ein irgendwie verplempertes Leben zu rechtfertigen und nebenher in Erinnerungen zu schwelgen, hier sind einige Beispiele zu finden. Mit der häßlichen Seite ihres Wirkens wollten bzw. wollen natürlich weder Markus Wolf noch all die anderen "Kundschafter des Friedens" etwas zu tun gehabt haben. Keiner will gewußt haben, was sich in den Untersuchungshaftanstalten des MfS abspielte, geschweige denn, was in den Zuchthäusern in Brandenburg, Bautzen, Hoheneck und Cottbus geschah. Dafür ist natürlich nur und ausschließlich der Mielke verantwortlich, wer sonst.

Tatsächlich dürfte hinter Mielkes mentalem Leerlauf eher die Grundannahme des Peter-Prinzips stehen: "In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen." Bis zu seiner Ernennung zum Minister hat Mielke stets allenfalls in der dritten Reihe gewirkt und im Gegensatz zu vielen seiner Genossen ist von Mielkes Wirken vor seiner Zeit als Minister so gut wie nichts überliefert. Lediglich seine Beteiligung am Vergeltungsmord an den Polizisten Anlauf und Lenk am 9. August 1931, den Mielke zusammen mit anderen als Rache für den einen Tag vorher von einem Polizisten erschossenen Fritz Auge ausführte, ist dokumentiert. Das Phänomen der beharrlichen Entwicklungs- und Erkenntnisverweigerung ist freilich kein DDR-typisches. Als herausragende Leuchten in Sachen Peter-Prinzip fallen mir spontan "strategische Genies" a la Reuter, Schrempp und Pierer und Leute wie Sommer, Ricke und Kleinfeld ein, die alle zusammen den Gegenwert einer kleineren Volkswirtschaft und Arbeitsplätze im oberen fünfstelligen, wenn nicht gar sechsstelligen Bereich vernichtet haben dürften. Doch das ist ein Thema aus einer anderen Parallelwelt. Allerdings hat eine solche Mentalität a la Mielke in einem autokratisch und kommod diktatorischen System wie dem der Sowjetzone in Ermangelung wirksamer Gegensteuerungsmechanismen natürlich fatalere Folgen als in einer demokratisch verfassten und wettbewerbsorientierten Struktur. In einer solchen werden diese Figuren irgendwann von den Marktmechanismen sozusagen wieder ausgespuckt, wobei der eine oder andere diesen Zyklus mehrfach durchlaufen kann, wie die genannten Beispiele zeigen. In einem autokratisch und diktatorischen System bleiben die, sofern sie nicht in Ungnade fallen, auf ihren Sesseln kleben, bis die biologische Lösung greift - oder eben das Regime nicht zuletzt ihres "Wirkens" wegen kollabiert.

Im konkreten Fall, nämlich in der Zone, kam es genau so, wobei sich die Frage stellt, wieso Mielke und Konsorten sich so lange an der Macht halten konnten, die in der Regel mit der mißbräuchlichen und ziemlich dämlichen Verwendung des Adjektivs "totalitär" kurzerhand abgetan wird. Ich denke, hier trifft viel eher Johann Gottfried Seumes oben zitierte Feststellung zu - zwei kleine Beispiele mögen das belegen. Das Markt- und Sozialforschungsinstitut TNS Emnid hat in einer repräsentativen Umfrage erfragt, wieviele Bundesbürger bereit wären, einen illegal, weil ohne Entrichtung der GEZ-Gebühr fernsehenden Mitbürger anzuzeigen. Das Ergebnis ist verblüffend, der Spiegel schreibt in einem Artikel vom 02.08.2008 dazu: "Erstaunlich ist vor allem das Ost-West-Gefälle bei den Ergebnissen: Während in Westdeutschland nur neun Prozent der Befragten einen Menschen melden würden, der keine Rundfunk- und TV-Gebühren bezahlt, erklärten sich 21 Prozent der Ostdeutschen dazu bereit." (Die Hervorhebung ist von mir.) Mit anderen Worten - mehr als jeder fünfte Zonenbewohner hat fast zwei Dekaden nach der sogenannten "Wende" kein Problem, seine Nachbarn zu denunzieren. Die Denunziationsbereitschaft ist in Mielkes ehemaligem Herrschaftsbereich fast 20 Jahre nach dem Ende dieser Herrschaft mehr als doppelt so hoch, als sie das unter den Westdeutschen ist.

Ein ganz anders geartetes Beispiel fand ich in einem Interview mit Dora Zimmermann in der taz vom 10.10.2005. Dora Zimmermann ist die Tochter von Paul Anlauf, einem der Polizisten, der 1931 von Mielke und anderen am Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, erschossen wurde. Auf die Frage, wie sie es in einem System ausgehielt, das den Mörder Ihres Vaters - Dora Zimmermann wußte seit 1934, daß Mielke einer der Schützen war - zum Minister macht, antwortet sie: "Ich bin schon oft gefragt worden, wie ich das überstanden habe. Das zu erklären würde zu weit führen. Nur so viel: Ich hatte einen sehr, sehr lieben Mann kennen gelernt und schnell geheiratet. Da hatte ich ein richtiges Zuhause. So geht es. Und man kann weggucken und still sein und keine Propaganda betreiben." Den Einwurf, daß sie (als Ostberlinerin) anläßlich der diversen Aufmärsche an Mielke sogar vorbeidefilierte, beantwortet sie so: "Wenn es nicht anders ging, habe ich das gemacht. Aber wenn es möglich war, habe ich vorher die nächste Kurve gekratzt oder bin aus der Reihe getanzt. Das haben aber auch andere gemacht, die nicht Dora Zimmermann, geborene Anlauf, hießen." Hat sie an Flucht aus dem System gedacht? "Nein. Als ich den Staat satt hatte, war's zu spät. Da hatte ich eine Tochter. Mich an der Grenze totschießen zu lassen wäre auch nicht richtig gewesen." Das kleine Zuhause, weggucken, still sein und sich klammheimlich von der Demo verpissen, natürlich nur, wenn andere vorweg laufen. Ach ja, da war noch das schicke, kleine Pöstchen an der Ostberliner Humboldt-Universität, wo alle so nett zu ihr waren. Dora Zimmermann zelebriert repräsentativ die Standardausreden, die DDR-Bewohner stets zur Hand hatten und haben, wenn es um die Frage geht, warum sie das System vierzig Jahre mitgetragen haben. Gleichzeitig formuliert Dora Zimmermann stellvertretend für den Rest der DDR-Bewohner das manifeste Unvermögen, sich die Frage nach der eigenen Verantwortung zu stellen. Stattdessen setzt sie sich 61 Jahre nach dem Mord in einen Gerichtssaal und erwartet, daß ihr ausgerechnet das System Gerechtigkeit zuteil werden läßt, das sie 40 Jahre lang stellvertretend durch den Mörder ihres Vaters in seiner Eigenschaft als Minister als verbrecherisch hat bekämpfen lassen, wofür sie dann alljährlich am 1. Mai und am 7. Oktober an der Tribüne vorbeidefilierte, von der ihr der Mörder ihres Vaters zuwinkte. Dora Zimmermann formuliert ihre Feigheit und ihren devoten Gehorsam als notwendiges Gegenstück zur paternalistischen Autokratie des ostzonalen Systems stellvertretend für all jene, die nicht hören wollen und sich schon gar nicht eingestehen können, daß sie - und nur sie - das System am Leben und Leute wie Mielke an der Macht hielten. Stattdessen das dämliche Geschwätz, sie habe sich nicht an der Grenze totschießen lassen wollen - Mielke wurde am 31. Oktober 1957 Minister und Dora Zimmermann hatte noch bis zum 13. August 1961 völlig gefahrlos dem System den Rücken kehren können, das hätte sie von ihrem Arbeitsplatz aus zehn Minuten Fußweg gekostet. Aber natürlich sind immer die anderen schuld, "fürtsch Johre belochen und betrochen". So oder ähnlich klingen die Märchenstunden zum Zwecke des fortgeschrittenen Selbstbetrugs, die durch die Literatur und die Medien schwappen, ein bemerkenswertes Beispiel lieferte der ehemalige, sächsische Innenminister Eggert ("Rock'n'Roll und Redefreiheit" - der feine Herr Eggert "erinnert" sich). Dieser Selbstbetrug ist die andere Seite der Medaille, auf deren Vorderseite sich die Denunziation der ostzonalen Historie als totalitär findet.

Zu diesem Text gehören diese Fotogalerien: MfS-Zentrale Berlin-Lichtenberg...
Gedenkstätte der Sozialisten...

Zum Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde, der wegen der Gedenkstätte der Sozialisten gelegentlich auch Sozialistenfriedhof genannt wird, ist im Netz allerhand Text zu finden, die wichtigsten Links dazu habe ich unten angeführt. Auf zwei Dinge wird allerdings selten hingewiesen. Einerseits fällt sofort beim Betreten der eigentlichen Gedenkstätte der kultische Charakter der Anlage auf. Auf den Bildern in der Galerie ist das in der Kombination der Ringmauer mit der zentralen Stele gut zu erkennen, ein Blick von oben auf die Anlage veranschaulicht den Charakter als Kultstätte noch deutlicher. Es läßt sich nicht nachvollziehen, ob das Absicht war oder ob das Wilhelm Pieck, der die gesamte Entscheidungshoheit bzgl. der Anlage an sich gezogen hatte, und den Architekten einfach passiert ist. Das Ergebnis jedenfalls ist eine Nekropole fast nach klassischem Muster, die sich von der Anlage und der Intention her an ihr berühmtes Vorbild in Moskau, an die Nekropole an der Kremlmauer, anlehnt.

Andererseits konnten es sich die Zonenpaternalisten nicht verkneifen, selbst im Tode eine Hierarchie etablieren zu wollen, woraus sich im Ergebnis in der Gedenkstätte der Sozialisten quasi eine Gedächtnishierarchie ergibt, die das Gedenken schwerfallen läßt. Auch die Hierarchie ist kultisch, fast schon esoterisch nach Kreisen angeordnet. Im innersten Kreis (Bilder 5 bis 15) liegen sozusagen die Hohepriester des Kultes. Im zweiten Kreis an der Ringmauer liegen linkerhand einige Vorväter und -denker (Bilder 16 bis 30) und zur Rechten herausragende Epigonen und Adepten des Kultes (Bilder 31 bis 57), wobei die auf der linken Seite in der Regel vor und die rechts nach 1945 verstarben. Im dritten Kreis schließlich, im hinter der Ringmauer und um diese herum angelegten und "Pergolenweg" genannten Gräberfeld, liegt die verdiente Priester- und Beamtenschaft (Bilder 58 bis 117). Allerdings bleibt öfter mal unklar, warum der eine im zweiten und der andere nur im dritten Kreis zur Ruhe gebettet wurde, so daß man auf der rechte Seite der Ringmauer etliche Genossen findet, deren Wirken sich eher als das von Koffer- und Wasserträgern denn als herausragend beschreiben läßt, während im dritten Kreis für die Politik der DDR sehr viel wichtigere und bekanntere Menschen beerdigt wurden, wie zum Beispiel Hilde Benjamin (Bild 67) oder Richard Stahlmann. Der Umstand, in Ungnade gefallen zu sein, kann dabei keine Rolle spielen, denn solche Beispiele findet man beispielsweise mit Anton Ackermann, Franz Dahlem und Fritz Selbmann sowohl im zweiten Kreis an der Ringmauer als auch mit zum Beispiel Paul Merker und Ernst Wollweber im dritten Kreis im Pergolenweg. Vorraussetzung war allerdings immer die Rehabilitation durch die SED-Führung.

Seit 1990 werden in der Anlage keine neuen Gräber angelegt, es können aber bereits bestehende Gräbern von engen Familienangehörigen für ihre Beisetzung genutzt werden. Der Vordenker und Mentor der Kommunistischen Plattform der PDS, die sich zusammen mit Oskar Lafontaine mittlerweile "Die Linke" nennt, Michael Benjamin wurde in der Grabstelle seiner Eltern Hilde und Georg Benjamin beigesetzt (Bild 67). Auch Markus Wolf hat diese Regelung genutzt, als er sich in der Grabstelle seines Bruders Konrad beisetzen ließ (Bild 58). Die Anmerkung im unten verlinkten Einestages-Text, damit wäre die Wolfsche "Troika" aus dem gleichnamigen Roman von Markus Wolf wiedervereint, weil nun Friedrich (der Vater, in der Ringmauer bestattet), Konrad und Markus Wolf beieinanderlägen, ist kompletter Blödsinn. Die Troika, die Wolf schilderte, waren drei Jungen - Konrad Wolf, Victor Fischer und Lothar Wloch - im Moskauer Exil, die in dieser Zeit unzertrennlich waren und deren Wege sich 1939 trennten. Victor Fischer war US-Bürger und Sohn des amerikanischen Korrespondenten Louis Fischer, sie konnten - Victors Mutter war Sowjetbürgerin - nach Intervention Roosevelts beim sowjetischen Botschafter die Sowjetunion 1939 verlassen und in die USA ziehen. Lothar Wloch war der Sohn des deutschen Kommunisten und Komintern-Agenten Wilhelm Wloch und mit seinem Vater als Exilant in Moskau. Wilhelm Wloch fiel den Stalinschen Säuberungen zum Opfer und verstarb in einem Gulag. Lothar kehrt enttäuscht und verbittert 1939 nach Deutschland zurück und wird Soldat der deutschen Wehrmacht. Nur Konrad Wolf bleibt in Moskau und wird mit siebzehn Jahren Soldat der Roten Armee, mit der er 1945 nach Deutschland zurückkehrt. Dieser Text beschreibt die Geschichte.

Was bleibt? Michael Sowa hat den geheimen Stasischatz gefunden, das ist lustig. Es bleiben gefühlte einhundert Regalmeter Buch zum Thema DDR und Stasi, wovon 97% unbrauchbarer Mist sind, weil so ziemlich alle irgendwelchen Opportunitäten folgend das Thema erörtern. Die einen wollen oder müssen ihr Leben in der Zone irgendwie rechtfertigen, die anderen wollen sich post mortem an der Zone allein schon für ihre bloße Existenz rächen, etliche en passant die deutsche Geschichte "zurechtrücken", also durch den, bis zur Beliebigkeit inflationären, Gebrauch des Begriffs Totalitarismus den Nationalsozialismus ein bißchen bagatellisieren. Das ist dröge bis widerlich. Mielkes Waffensammlung bleibt nicht, sie wurde versteigert - zusammen mit der Waffe, mit der Mielke den Polizisten erschoß, einer Pistole Walther Modell 8, Kaliber 6,35. Das ist pervers. Das Zuchthaus Cottbus wurde ebenfalls schon versteigert (Link 1 | Link 2), da werden nun einer Netzseite sogenannte "Events" angedroht und eines hat wohl in Gestalt eines Hüpfhopsmusikkonzerts mit "Bushido". Na ja, paßt vielleicht sogar, daß ein notorisches Opfer in einer stillgelegten Zonen-JVA auftritt. Ansonsten fällt selbst mir dazu nichts mehr ein.

Was bleibt, ist das Stauen darüber, daß in diesem Klima einer der - neben Mossad, MI5 und MI6 - effizientesten Geheimdienste arbeiten konnte. (Was den Verdacht nahelegt, daß ansonsten in der Branche noch größere Schwachköpfe als die MfSler am Werke sind. Wer verstehen will, wie das Innenleben eines Geheimdienstes in jener Zeit aussah und was das Selbstverständnis der Agenten ausmachte, ist mit der Literatur über das MfS schlecht beraten. Dazu empfehle ich das Buch Spycatcher von Peter Wright.

Was bleibt, ist das Stauen über eine merkwürdig piefig-verschwiemelte Atmosphäre, die insgesamt den Eindruck erweckt, man fände sich in eine Parallelwelt versetzt. Oder anders formuliert - es bleibt ein leicht deprimiertes Staunen, was aus den Resultaten des messerscharf analytischen Denkens eines Marx und Engels, aus den Idealen eines Ferdinand Lassalle und eines Max Hoelz, aus den Werten eines Wilhelm Liebknecht und eines August Bebel geworden ist - kurz: Was vom Sozialismus übrigblieb.

[geschrieben 08/2008]