Wie ich die russische Musik entdeckte (mit Videos)

Vorab - ich denke (oder hoffe), ich bin mit den Leserinnen und Lesern einer Meinung, dass man - auch und gerade zum Thema Musik - über Geschmack endlos, also gar nicht streiten kann. Meine Hauptkriterium für Qualität von Musik aller Genres ist, ob sie mich intellektuell oder emotional anspricht, optimalerweise beides. Das Hauptkriterien für die Qualität einer Musikerin oder eines Musikers oder einer Band sind ihre Live-Qualitäten und ihre Entwicklungsfähigkeit.

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Mein Musikgeschmack ist breit aufgestellt - und mit der Beschäftigung mit russischer Musik noch breiter. Meine intensivere Beschäftigung mit der russischen Musik begann - gelangweilt von dem westlichen Hedonistenscheiß und seinen infantilen Hampelaffen - mit der zufälligen Entdeckung eines Konzertes von Maria Archipowa und ihrer Band Аркона (Arkona). Ich war absolut erstaunt, denn natürlich hatte auch ich Klischees im Kopf und die hießen in punkto russischer Musik Kalinka und Balalaika. Natürlich wird in Russland gerne Kalinka auf der Balaleika gespielt, wie es dieses kleine Talent vormacht, sie ist hier acht Jahre alt. Es ist erstaunlich, was das Mädchen aus einem dreisaitigen Instrument herausholt.

Анастасия Тюрина - Калинка
Anastasija Tjurina - Kalinka (Marienkäfer)
Анастасия Тюрина - Валенки
Anastasija Tjurina - Walenki (Filzstiefel)

Doch zurück zu Arkona - was Maria Archipowa darbot, hätte ich niemals erwartet - bester Metal der härtesten Spielart mit einer Stimme, die vom klaren Gesang umstandslos in den gutturalen und zum Growlen wechseln kann (normalerweise brauchen Metalbands dafür zwei Sänger), die ihre Lieder selbst schreibt und textet, die mit nicht ganz 18 Jahren ihr Ding inklusive Band aufgezogen und bis heute in der Männerwelt des Metal sehr erfolgreich durchgezogen hat. Und die überdies als bekennende Родноверие die Hallen füllt - auch so ein Klischee, dass alle Russen orthodox wären. Родноверие, englisch Rodnovery, deutsch Rodismus ist eine Ende des 18. Jahrhunderts in der slawischen Welt entstandene Wiederbelebung des nativen slawischen Glaubens mit stark pantheistischer Komponente. Der Name leitet sich von Rod her, dem Gott des Schicksals, der Ahnen und der Familie, er ist zugleich der Schöpfer der universellen Ordnung als Gesetz des Himmels und damit oberster Gott. Rod ist auch der Wortstamm von родина (rodina), dem russischen Wort für Heimat, Vaterland. Warum ich den Vergleich mit dem deutschen Paganismus ablehne, habe ich hier dargelegt.

Аркона - 10 лет во славу
Arkona - 10 Jahre des Ruhmes
Аркона − Храм
Arkona - Der Tempel

Neugierig geworden recherchierte ich weiter und fand Wiktor Zoi (1962 - 1990) und seine Band Кино (hier ein Artikel dazu, кино bedeutet in der Alltagssprache Film, das Kino ist das кинотеатр, also Filmtheater), über Кино beziehungsweise über Coverversionen der Lieder von Wiktor Zoi Polina Gagarina, Jasja Degtjarewa sowie Alexandra Kusnezowa und Jewgenija Skatschkowa (Just Play). Die Beschäftigung mit Kino zog die mit dissidentischer Musik der späten Sowjetunion nach sich, wobei ich auf Jegor Letow (1964 - 2008) und Janka Djagilewa (1966 - 1991) stieß und über Coverversion der beiden auf zahlreiche andere exzellente Musikerinnen und Musiker. Dabei wurden mir mehrere Besonderheiten der russischen Musikkultur klar, ich beschränke mich auf einige Aspekte.

Zum Todestag von Jegor Letow - Eine Würdigung  | Das Idol  | YouTube-Diskografie

1.) Die hierzulande üblichen Genre-Schubladen gibt es in Russland nicht. Alle Genres von der Volksmusik über das russische Chanson, die Estrada (in etwa Schlager), Pop, Rock, Metal bis zum Jazz werden in den jeweils anderen Genres verarbeitet resp. in sie integriert, wobei - insbesondere beispielsweise Pelageja, Grigori Leps, Maxim Fadejew, die Группировка Ленинград, Noize MC und etliche andere gute Musikerinnen und Musiker - und davon gibt es viele - das schwierige Kunststück fertigbringen, nicht beliebig zu werden. Das gilt - in Grenzen - auch für russischen Rap und Hip Hop.

2.) Die Texte sind von außerordentlicher poetischer Qualität, wie in den Melodien spiegeln sich in ihnen - viel stärker noch als in der Literatur, weil direkt emotional erfahrbar - Stärke und Tiefe der russischen Seele wieder, womit ich zunächst in musikalischer Hinsicht fand, was ich suchte - mehr dazu in diesem Artikel. Wer sich selbst überzeugen will, kann es beispielsweise hier tun.

 | Graschdanskaja Oborona #1 (div.)  | Graschdanskaja Oborona #2 (ру/en)  | Graschdanskaja Oborona #3 (ру/en)  | Graschdanskaja Oborona #4 (ру/en/de)  | Jegor Letow #1 (ру/en)  | Jegor Letow #2 (ру/en/de)  | Janka Djagilewa #1 (div.)  | Janka Djagilewa #2 (ру/en)  | Wiktor Zoi & Kino #1 (div.)  | Wiktor Zoi & Kino #2 (ру/en)  | Wiktor Zoi & Kino #3 (ру/en/de)  | Pelageja #1 (div.)  | Pelageja #2 (ру/en)  | Pelageja #3 (ру/en/de)  | Noize MC #1 (div.)  | Noize MC #2 (ру/en)  | Noize MC #3 (ру/en)  | Noize MC #4 (ру/en/de)  | Arkona #1 (div.)  | Arkona #2 (ру/en)  | Arkona #3 (ру/en/de)  | Grigori Leps #1 (div.)  | Grigori Leps #2 (ру/en)  | Grigori Leps #3 (ру/en/de)  | Leningrad #1 (div.)  | Leningrad #2 (ру/en)  | Leningrad #3 (ру/en/de)  | Louna #1 (div.)  | Louna #2 (ру/en)  | Louna #3 (ру/en/de)  | Basta #1 (div.)  | Basta #2 (ру/en)  | Basta #3 (ру/en/de)  | Sektor Gasa #1 (div.)  | Sektor Gasa #2 (ру/en)  | Sektor Gasa #3 (ру/en/de) |
Hinweis: Etliche Musiker wie Jegor Letow und seine Band Graschdanskaja Oborona, Janka Djagilewa, die Gruppirowka Leningrad und Sektor Gasa verwenden in ihren Texten russischen мат (Mat, mehr dazu in diesem Artikel), der wegen seiner Doppeldeutigkeiten und Mehrfachbedeutungen schwer und mitunter gar nicht zu übersetzen ist und im Kontext interpretiert werden muss. Darüber hinaus gibt es im Russischen Unterschiede zur deutschen und englischen Sprache, die eine Übersetzung nicht eben einfacher machen. So gibt es im Russischen keine bestimmten oder unbestimmten Artikel vor dem Substantiv und das Hilfsverb "sein" wird im Präsens nicht verwendet. Deswegen sind einige Übersetzungen unzulänglich, zumal zu bedenken ist, dass die Übersetzer in aller Regel - von Ausnahmen wie dieser abgesehen - ambitionierte Laien sind. Darum biete ich hier - sofern vorhanden - verschiedene Versionen an.

Die Seelenlosigkeit betreffend war das in Großbritannien und den USA - Deutschland ist seit 1933 verloren - natürlich nicht immer so, ich denke da an die Jahre bis Ende der 1980er und an Bob Dylan, Frank Zappa, Yes, Van der Graaf Generator, Genesis (mit Peter Gabriel), King Crimson, Grateful Dead, Talking Heads, Bauhaus, Joy Division, Fischer-Z und etliche andere. Doch je konsumistischer, hedonistischer und liberalistischer die westliche Gesellschaft wurde, desto seelen- und belangloser wurden die Texte - mit wenigen Ausnahmen wie Calvin Russell (YouTube-Suche), die in aller Regel unbekannt und kommerziell erfolglos bleiben. Krasses aktuelles Negativbeispiel ist die neue Scheibe "Folkore" von Taylor Swift (Playlist) - musikalisch perfekt und völlig seelenlos.

3.) Die in Punkt 2 angesprochene Tiefe und Stärke hat mich im Ergebnis in sehr vielen Liedern nicht nur emotional angesprochen, sondern regelrecht gerissen, überwältigt, umgehauen, vom Stuhl gefegt oder wie auch immer man das nennen mag, wenn man nicht direkt zugeben will, dass man zu nah am Wasser gebaut hat. Das gilt natürlich nicht für jeden russischen Künstler und jede russische Band, sondern an dieser Stelle für die hier genannten Künstler. Bei manchen wie bei Leningrad und Noize MC sind es mehr die intellektuellen Qualitäten der Lyrik ihrer Lieder. Mir fällt jedoch kein einziges Beispiel aus der deutschsprachigen und anglosphärischen Musik ein - ich rede hier von knappen 1.850 Alben zuzüglich 195 Live-Videos von 345 Musikern und Bands von 3 Doors Down bis ZZ Top in meinem Fundus [*] -, das mich auch nur annähernd in einer solchen Weise berührt hätte. Natürlich gibt es Musiker und Bands der westlichen Hemisphäre, die mich durchaus beeindruckten und emotional und intellektuell ansprachen - sonst hätte ich mir das alles ja nicht angehört - wie zum Beispiel Prince, Fischer-Z, Rory Gallagher, Roxy Music, Supertramp, Billy Bragg und Apocalyptica, was aber nie auch nur annähernd so überwältigend war wie beispielsweise diese beiden Lieder oder das weiter unten gezeigte Lied von Basta und seiner Tochter Maria.
[*] Die Aufzählung bezieht sich nur auf Musiker und Alben englischsprachiger Populärmusik (und einige wenige deutschsprachige wie Spliff, Nina Hagen; Interzone und Ton, Steine und Scherben). Nicht enthalten sind die russischen Musiker, eine kleine, aber feine Auswahl klassischer Musik im weiteren Sinne (jeweils alles von Max Bruch, Schostakowitsch und Skrjabin) sowie Ostblock- und DDR-Musiker wie Czesław Niemen, SBB, Omega, Locomotiv GT und Klaus Renft Combo.

Ярослава Дегтярёва - Конь
Jaroslawa Degtjarewa - Das Pferd
Text (ру/en/de)
Пелагея - Любо, братцы, любо!
Pelageja - Schön, Brüder, schön!
Text (ру/en/de)

Jasja, damals acht Jahre alt, wird im linken Video vom Kammerchor Lik begleitet, Pelagaja im rechten Video vom Chor der Don-Kosaken. Der Titel des Liedes beziehungsweise das "schön" im Titel ist als "es ist gut, wie es ist" zu verstehen.

4.) Die Beschäftigung mit russischer Musik hat mir Zugang zu Genres eröffnet, die ich vorher nicht mit der Kneifzange angefasst, geschweige denn mir angehört hätte - Schlager, Skapunk und Urban Brass, Rap und Hip-Hop und und vor allem Volksmusik, egal welcher Nationalität und von welchen Interpreten. Das ist jetzt mit der Группировка Ленинград (Skapunk, Urban Brass), Noize MC (Rap) und Basta (Hip-Hop) und anderen russischen Künstlern anders. Das heißt selbstverständlich nicht, dass ich jetzt auch Knalltüten wie Fler und Haftbefehl hören würde. Erstaunt hat mich die musikalische und lyrische Qualität dessen, was man hierzulande Schlager nennen würde und was in Russland Estrada heißt, wobei der Begriff "Schlager" diese Musik höchst unzureichend beschreibt, weil Estrada viele Musikrichtungen und -stile integriert. Die Estrada ist eine russische Spezialität und ist eine populäre Unterhaltungsmusik, die bekanntesten Estrada-Künstlerinnen sind die 1926 geborene Alexandra Pachmutowa und Alla Pugatschowa, ihre Tochter Kristina Orbakaite ist in Russland ebenfalls sehr populär (Playlist).

Полина Гагарина - Целого мира мало
Polina Gagarina - Die ganze Welt ist (zu) klein
Text (ру/en)
Григорий Лепс − Недосказанная
Grigori Leps - Unausgesprochen
Text (ру)
Noize MC - Вселенная бесконечна?
Noize MC - Ist das Universum unendlich?
Text (ру/en) | Ganzes Konzert
Тимати feat. Григорий Лепс - Дай мне уйти
Timati feat. Grigori Leps - Lass mich gehen
Text (ру/en) | Ganzes Konzert

5.) Ein hierzulande vollkommen unbekanntes und in Großbritannien und den USA eher selten anzutreffendes Phänomen ist das Geschichtsbewusstsein und die tiefe Heimatverbundenheit in der modernen russischen Populärmusik - und das auch in Genres, die üblicherweise nicht für solche inhaltlichen Ambitionen bekannt sind, wie zum Beispiel im Heavy Metal und im Hip Hop und Rap. Arkona als Beispiel für den Heavy Metal - Maria Archipowas Band ist nicht die einzige, es gibt noch viele andere wie Алконост (Alkonost CD "Октаграмма", Alkonosty sind die magischen Vögel des Glücks und der Hoffnung) oder Грай (Lied "Песнь о земле родной - Lied vom Heimatland") - erwähnte ich schon oben. An dieser Stelle wähle ich deshalb ein Genre, dessen westliche Produkte ich mir allenfalls nach Bereitstellung und mit garantierter Benutzung eines Kotzeimers angehören könnte - den Rap in Person eines Musikers, den ich erst jüngst mit einem Video eines gemeinsamen Konzerts mit Noize MC entdeckte und einmal mehr absolut überrascht war, mit welch außerordentlicher musikalischer und lyrischer Qualität in diesem Genre musiziert werden kann, wenn man es kann. Der Mann heißt Wassili Michailowitsch Wakulenko, sein Künstlername ist Баста (Basta). Ist es vorstellbar, dass ein Rapper oder Hip Hopper im deutschsprachigen Raum eine Gesellschaftskomödie aus dem 19. Jahrhundert, beispielsweise Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz", aufgreift und adaptiert? Niemals - und analog ebenso wenig in der anglosphärischen Welt. Basta hat es mit dem Lied "Там, где нас нет" (Basta - Dort, wo wir nicht sind) getan - und das 36.000-köpfige Publikum rastet regelrecht aus, als Basta - er ist ein Meister der Dramaturgie - die Dramatik anzieht. Der Titel bezieht sich auf das russische Sprichwort "Там хорошо, где нас нет" (Es ist dort gut, wo wir nicht sind), das auf die Gesellschaftskomödie "Горе от ума" ("Verstand schafft Leiden", wörtlich "Leiden aus Verstand", man muss zum Verständnis um das exklusiv russische und deshalb nicht übersetzbare Phänomen der тоска als Gemütsverfassung wissen) von Alexander Sergejewitsch Gribojedow aus dem Jahr 1824 zurückgeht. Zum Sprichwort wurde ein Dialog im ersten Akt ist in der siebten Szene der Protagonisten Sofija: »"Was es heißt, das Licht zu sehen! Wo ist es besser?"« und Tschatzkij: »"Wo wir nicht sind."« "Горе от ума" gilt als eines der einflussreichsten Theaterstücke der russischen Literatur, hier eine deutsche Ausgabe des Verlags F.A. Brockhaus aus dem Jahr 1853 bei Google Books. Weil das Werk in freien Jamben verfasst wurde, ist die Übersetzung schwierig, wenn der Übersetzer die jambische Form beibehalten will. Deswegen ist diese Übersetzung, wie ihr Verfasser am Ende auch anmerkt, recht frei. Hier das russische Original bei Wikisource. Basta arbeitet auch die feine Ironie heraus, die Gribojedow in dem Stück anlegte und die sich in den beiden Möglichkeiten, den Satz "Es ist dort gut, wo wir nicht sind" zu betonen - einerseits auf "там" (dort), andererseits auf "нас" (wir) - widerspiegelt.

Баста - Там, где нас нет
Basta - Dort, wo wir nicht sind
Text (ру/en)
Баста - Мастер и Маргарита
Basta - Meister und Margarita
Text (ру/en)

Im zweiten Beispiel für eine exzellente Literatur-Adaption hat Basta sich Michail Afanassjewitsch Bulgakows "Der Meister und Margarita" angenommen - ein Klassiker und eigentlich eine unbedingte Pflichtlektüre. Verglichen mit der deutschsprachigen Szene wäre das so, als würden sich Haftbefehl, Kollegah oder Fler Hermann Hesses "Steppenwolf" adaptieren - was schon an den überschaubaren Fähigkeiten zum verstehenden Lesen dieser Knalltüten scheitern dürfte, wenn sie denn je auf eine solche Idee kämen.

Баста u дочка Мария feat. Диана Арбенина - Сансара
Einfach nur anrührend und schön - Basta und seine Tochter Maria feat. Diana Arbenina - Saṃsāra
Text (ру/en) - unbedingt lesen! | Ganzes Konzert

6.) Die russische Volksmusik hat mich am meisten überrascht, ich war durch meine diesbezüglichen und eher unerfreulichen Erfahrungen in der DDR ziemlich voreingenommen, das hat sich gründlich geändert, weil die russische Volksmusik beeindruckend und ergreifend ist, insbesondere kosakische, aber beispielsweise auch tuwinische. Auf letztere wurde ich schon vor einiger Zeit durch Lu Edmonds, den Gitarristen von Public Image Ltd., aufmerksam, weil er hin und wieder in Tuwa mit der Band Yat-Kha kooperiert, er hat zum Beispiel diese Platte "Aldyn Dashka" für Yat-Kha produziert. Erstaunlich ist, wie tief die Verbindung der russischen Populärmusik aller Genres in die Volksmusik reicht beziehungsweise wie stark die Verflechtung der Poulärmusik mit dieser ist - hier einige Beispiele.

Аркона - Славься, Русь!
Arkona - Ruhm dir, Rus!
Text (de/ру/en)
Белое злато - Варенька
Weißes Gold - Warenka
Text (ру/en)
Отава Ё - Ой, Дуся, ой, Маруся
Otawa Jo - Oh Dusja, Oh Marusja
Text (ру/en)
Ярослав Сумишевский - Смуглянка
Jaroslaw Sumischewskij - Smugljanka
Text (ру/en)

7.) Ich greife Wiktor Zoi und Jegor Letow als Beispiele heraus - es gibt noch sehr viel mehr von Chansoniers wie Arkadi Sewerny und Wladimir Wysozki, Estrada-Künstlern der Sowjetzeit, Rockbands wie Alisa, Aquarium, Bi2, DDT und andere ab Mitte der 1980er - zahlreiche der Lieder dieser Musikergenerationen sind Volkslieder im eigentlichen Sinn des Wortes geworden. Du kannst praktisch jeden Russen fast jeden Alters auf der Straße ansprechen und ihn bitten, "Кукушка" (Kuckuck) von Wiktor Zoi oder Jegor Letows "Моя оборона" (Meine Verteidigung, gemeint als Selbstverteidigung) zu singen - sie oder er wird es können.

Кино - Кукушка
Kino - Kuckuck
Text (de/ру/en)
Гражданская оборона - Моя оборона
Graschdanskaja Oborona - Meine Verteidigung
Text (ру/en) | Ganzes Konzert
Ярослава Дегтярёва - Кукушка
Jaroslawa Degtjarewa - Kuckuck
Дария Кантуганова - Моя оборона
Darija Kantuganowa - Meine Verteidigung

8.) Umgekehrt ist die traditionelle Volksmusik in Russland fester Bestandteil der modernen Unterhaltungsmusik, und zwar über alle Genregrenzen hinweg. Wäre es hierzulande oder anderswo im Westen vorstellbar, dass ein Rapper mit einem Orchester nationaler Volksmusikinstrumente auftritt und damit eine große Halle füllt? Eher nicht, denke ich, aber Noize MC hat es getan mit dem Оркестр русских народных инструментов, dem Orchester russischer Volksinstrumente der Belgoroder Staatlichen Philharmonie. So viele Balalaikas auf einen Haufen wie in diesem Video des Konzertes habe ich vorher noch nie gesehen und ich wusste auch nicht, wie groß die sein können. Um die Verbindung der russischen Volksmusik zu verschiedensten Genres russischer Musik zu illustrieren greife ich ein Beispiel aus zahllosen heraus, und zwar das Lied "Ой, то не вечер" (Oh, es ist noch nicht Abend). Das Lied sang ein 75-jähriger Kosake der Komponistin Alexandra Schelesnowa-Armfelt im Jahr 1896 oder 1897 im Ural Oblast, wo ihr Mann als Offizier stationiert war, für ihre Sammlung von Volksliedern vor. Das linke Video zeigt die Version der unvergleichlichen Pelageja, dargeboten am diesjährigen Tag Russlands. Am Rande - was Pelegaja auf dem Kopf trägt, nennt man in Russland кокошник (Kokoschnik). Die zweite Interpretation im rechten Video ist von der nicht minder unvergleichlichen Maria Archipowa, die jeden ihrer Auftritte mit diesem Lied beendet. Interessant ist, dass beide Künstlerinnen jeweils einen der beiden Akzente des Liedes herausarbeiten - Pelageja den trauernden, Maria Archipowa den dem Schicksal trotzen wollenden.

Пелагея - Ой, то не вечер
Pelageja - Oh, es ist noch nicht Abend
Text (ру/en - Version 1)
Аркона - Ой, то не вечер
Arkona - Oh, es ist noch nicht Abend
Text (ру/en - Version 2)

Nachtrag: Um Missverständnissen oder etwaigen Einwänden in diese Richtungen vorzubeugen - einerseits geht es hier nicht um Politik oder ob man Putin nun gut findet oder nicht, was (nicht nur) in diesem Kontext völlig nebensächlich ist. Einige der hier vorgestellten Künstler wie Timati und Grigori Leps sind bekennende Putin-Fans und Befürworter und Unterstützer der Politik der Föderation, andere wie Basta und Diana Arbenina sehen Putin und die russische Politik kritisch oder, wie Noize MC, sehr kritisch. Viele Künstler sind eher unpolitisch, in diesem Artikel beispielsweise Pelageja und Polina Gagarina und wieder anderen wie Maria Archipowa sind Politik und die Orthodoxie als de facto russische Staatsreligion ziemlich gleichgültig. Schließlich gibt es noch die ebenso begnadeten wie gnadenlosen Spötter, denen (fast) nichts heilig ist, in diese Kategorie gehört Sergei Schnurow mit seiner Band Gruppirowka Leningrad, der in seinen Lieder und Videos so ziemlich alle Stereotype und Klischees über die Russen und Russland aufs Korn nimmt und sich mit manchmal beißendem Spott über den Hedonismus der Gewinner und Profiteure an beziehungsweise aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion lustig macht, die ihn kurioserweise selbst reich machten. Hier ein Artikel über Schnurow und Leningrad und hier meine YouTube-Playlist mit Liedern von Leningrad. Allen gemeinsam - auch den kritischsten wie Noize MC und den Spöttern wie Schnurow - ist ihre tiefe Verbindung zur russischen Geschichte und ihre Liebe zu Russland, alle sind Patrioten im besten Sinne.
Andererseits wird natürlich auch in Russland eine Menge Blödsinn auf CDs gepresst oder als MP3/MP4-Dateien gestreamt und als Musik verhökert. Der Unterschied zur deutschsprachigen Populärmusik ist, dass in dieser nur und ausschließlich seelenloser Blödsinn und grober Unfug als Musik verkauft wird - und in der anglosphärischen Populärmusik mittlerweile fast nur. (Am Rande - ich wurde zu einer Vorabfassung dieses Artikels bei Facebook auf Pussy Riot angesprochen - ja, auch in der Föderation gibt es Idioten, es interessiert sich dort - zu Recht - nur niemand dafür, sofern deren Darbietungen nicht gerade strafrechtlich relevant sind.)