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Zum Todestag von Jegor Letow - eine Würdigung

Am späten Abend des 19. Februar 2008 verstarb Jegor Letow an einer Ateminsuffizienz infolge einer Alkoholvergiftung. Damit hatte Russland seinen besten und bedeutendsten Musiker der nichtklassischen Musik verloren. Nichtklassisch deshalb, weil die Genres Unterhaltungs- oder Populärmusik ebenso wenig passen wie Punk oder Post-Punk, wie Garage Rock oder Psychedelic Rock, denen seine Musik üblicherweise zugeordnet wird. Sein musikalisches und textliches Spektrum war wesentlich breiter, kreativer und vor allem im Anliegen ernsthafter, als dass es in diese Zuweisungen passen könnte.

Гражданская Оборона - Русский прорыв в Новосибирске, 11 декабря 1994 г.
Graschdanskaja Oborona - Russischer Durchbruch in Nowosibirsk, 11. Dezember 1994
Zeitmarken und Links zu Infos und Texten im Video bei Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=iSCUHPvgPbY

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Jegor Letow begann zwar mit 18 Jahren im Jahr 1982 mit seiner ersten Band Посев (Die Saat) als Punkmusiker und setzte das mit seinem, im November 1984 gegründeten Hauptprojekt Гражданская оборона (kurz ГрОб, Zivilverteidigung, Bürgerwehr), das er bis zu seinem Tod führte, zunächst fort. Doch schon bald integrierte er Elemente anderer Musikrichtungen, hauptsächlich aus der russischen Volksmusik und dem Psychedelic Rock, in seine Arbeit mit ГрОб und seinen anderen, oft parallel betriebenen Projekten wie Коммунизм (Kommunismus), Великие октябри (Großer Oktober, mit Janka Djagilewa) , Анархия (Anarchie), Егор и опизденевшие (in etwa: Jegor und die Verwirrten, Durchgeknallten), um nur die wichtigsten zu nennen. Zusammen mit seinem älteren Bruder Sergej Letow, einem über die Grenzen Russlands hinaus bekannten Jazz-Musiker, experimentierte er mit Jazzelementen und absolvierte mit ihm und ГрОб 2002 die "Свобода"-Tour (Freiheit), mit der er - trotz der Gegenkampagne der Antifa - auch zwei Konzerte in Deutschland hatte. [1 Hinweis]

Konzert der "Свобода"-Tour, Moskau, 26.04.2002, Kino "Ulan-Bator":
https://www.youtube.com/watch?v=fvfrrAvC9OM

Doch noch weniger als in musikalischer Hinsicht passt Letows Werk lyrisch in die oben genannten Genres. Seine Texte stehen in der Tradition der Dichter Alexander Puschkin, Wladimir Majakowski und Sergeij Jessenin und der russischen Barden Arkadi Sewerny und Wladimir Wyssozki. Letows Lyrik ist außerordentlich sprach- und bildgewaltig, sehr assoziativ und voller Metaphern. Sie verwendet sehr viel russischen Mat (was die Übersetzung nicht leicht macht), aber keineswegs als "Vulgärsprache", wie in den Wikipediatexten verschiedener Sprachen behauptet wird. Es ging Letow mit der Verwendung von Mat zwar oft um Provokation, aber nie als vulgäre Attitüde, wie das im Punk sonst mit der Verwendung solcher Ausdrücke in aller Regel der Fall war und ist. [2 Hinweis] Vielmehr setzte Letow in seinen Texten Mat wie Rasierklingen ein, er schärft die Aussage auf oft drastische Weise. (Ich sprach jüngst mit meiner Russischlehrerin über Mat bei Letow und sie befand den Rasierklingen-Vergleich als den treffendsten, der dazu möglich ist.) Das liegt auch in der Natur der Mat-Sprache, die sehr viel ausdrucksstärker, bildhafter und metaphernreicher ist, als das die allbekannten Variationen von fuck, shit und bitch leisten können. Im Grunde ist die Verwendung des Mat als Stilmittel eine literarische Kunstform.

Letow passte in wirklich keiner Hinsicht in das Klischee vom Rockmusiker. Weder hatte er die Haare schön wie Jim Morrison noch war er stylish wie Michael Hutchence, um zwei andere Charismatiker zu nennen - vielmehr hatte er offensichtlich nie einen Friseur besucht und er trat auf, als hätte er sich gerade in der Altkleidersammlung eingekleidet - er war in Vollendung das, was man unprätentiös nennt. In Interviews war er zurückhaltend und wirkte fast schüchtern, wobei er mit Bedacht und reflektiert sprach. Materielle Dinge waren ihm vollkommen gleichgültig, er hatte kein Auto und reiste meistens mit der Bahn. Skandale sind keine überliefert, weder mit Frauen, er war wohl eine ausgesprochen treue Seele, noch alkoholbedingte, gleichwohl er ein veritables Alkoholproblem hatte, das ihn schließlich umbrachte. Nie beschimpfte er das Publikum, wie es in den ihm zugeschriebenen Genres durchaus üblich war und ist und selbst in dem berühmten "пьяном концерт", dem "betrunkenen Konzert" in Ischewsk am 19. Dezember 1999, war er großartig. Als er etwa ab der Mitte des Konzerts nicht mehr stehen konnte, setzte er sich einfach auf die Bühne und wenn er den Text "verloren" hatte, improvisierte er. Die Musiker konnten ihm bald nicht mehr folgen, also improvisierten auch sie in deutlich reduzierter Lautstärke. Der Begriff "Bühnenshow" war ihm absolut fremd, es gab schlicht keine, von simplen Beleuchtungseffekten in den späteren Konzerten, wie beispielsweise im Апельсин und im Club Б1, abgesehen. Die Show war er, im Mittelpunkt seiner Show standen seine Musik und seine Botschaft.

Mir ist natürlich bewusst, dass mein Faible für alles Russische und meine Zuneigung zu Russland zu einem guten Teil Projektion zwecks Kompensation meines Unbehagens an dem, was aus Deutschland geworden ist - an einer Nation, die nach 1933 ihre Seele verlor und seitdem nicht wiederfand -, geschuldet ist. Um mir selbst sicher zu sein, dass dieser Aspekt nicht ursächlich für meine Begeisterung für Jegor Letow ist, habe ich mich einerseits mit dem Werk musikalisch vergleichbarer Bands und mit der Lyrik der westlichen Großpoeten nichtklassischer Musik andererseits befasst.

Гражданская оборона - Концерт "Зачем Снятся Сны", Москва в клубе Б1, 26 мая 2007 г.
Graschdanskaja Oborona - Konzert "Warum träume ich", Moskau im Club B1, 26. Mai 2007
Zeitmarken und Links zu Infos und Texten im Video bei Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=l7jtb-N9N1E

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Zunächst zur musikalischen Qualität von Letows Werk - es traf sich gut, dass die Letow zugeschriebenen Genres Punk, Post-Punk und Psychedelic resp. Experimental Rock - neben anderen - zu den auch von mir favorisierten gehören und ich war schon vor einem halben Jahrhundert Fan einiger dieser Musiker und Bands, wie beispielsweise von Frank Zappa, Grateful Dead und Vanilla Fudge. Das gilt auch - nur zehn Jahre später - für Punk und Post-Punk-Bands. Zum Vergleich mit dem Psychedelic resp. Experimental Rock hörte ich Werke von Grateful Dead, Vanilla Fudge, Strawberry Alarm Clock und Love, wobei die beiden letzteren zu Letows Lieblingsbands gehörten. Für den Vergleich mit anderen Punkbands hörte ich die wichtigsten Werke von The Clash, The Stranglers, The Exploited, The Damned, UK Subs, Sham 69, Ramones, Dead Kennedys und Black Flag sowie als Post-Punk-Bands Joy Division, Public Image Ltd. und Bauhaus. Das wohl wichtigste Kriterium zur Beurteilung der musikalischen Qualität einer Band oder eines Musikers ist die Entwicklungsfähigkeit - neben der Qualität der Live-Auftritte, die ist bei allen hier gewählten Beispielen exzellent. Wenn es genügt, eine oder zwei Scheiben einer Band zu kennen, um treffend auf den Rest zu schließen, ist sie für mich irrelevant. Das Negativbeispiel sind die Rolling Stones, es genügt, drei Lieder der Band zu kennen, zum Beispiel Jumpin' Jack Flash, Brown Sugar und Angie, um das gesamte Œuvre der Band zu kennen, das Werk der Rolling Stones ist seit Beggars Banquet absolut redundant. Das gilt für einige der vergleichsweise gehörten Bands, wie zum Beispiel für The Exploited, The Damned, UK Subs, Sham 69, Ramones, die Zeit ihres Wirkens und teils bis heute ein und denselben Sound produzierten mit ein und derselben Ansage. Das gilt nicht für Joy Division und Bauhaus, deren Werk eine stetige Entwicklung beweist, wobei allerdings die kurze Zeit ihres Wirkens wegen ihrer Auflösung (Joy Division) oder ihrer Schaffenspausen (Bauhaus) zu berücksichtigen ist. Ebenso wenig gilt das für Public Image Ltd., der Band, die John Lydon 1978 in Nachfolge der Sex Pistols gründete und mit der er ein höchst kreatives Werk schuf. (Allerdings haben mich die jüngsten Nachrichten über John Lydon doch ziemlich schockiert. [3 Quelle])

Letows Werk zeichnet sich durch eine permanente Weiterentwicklung der musikalischen Qualität aus. Jede Scheibe ist anders und überraschend, so dass Letow im Lauf der Jahre ein Genre sui generis - also ein eigenständiges, aus sich selbst entstandenes Werk - schuf, das nicht zuletzt deshalb zeitlos ist und noch immer "modern" klingt. Ein wesentliches Merkmal von Letows Poesie und Musik ist die Authentizität, die in praktisch jedem Vers und jedem Akkord hör- und spürbar ist. Vieles, was bei den oben genannten Bands - auch hier mit Ausnahme von Joy Division und Public Image Ltd. - als Revolte erscheint, ist nur Attitüde, und zwar spätestens seit dem ersten Vertrag mit einem Major-Label. Letows Zorn der frühen Auftritte war echt, weil aus eigenem Erleben im Konflikt mit mit den Behörden und dem KGB der zerfallenden Sowjetunion resultierend. Für Letow und seine Band gab es keine Plattenverträge, sondern bis zum Ende der UdSSR die Vervielfältigung per магнитоальбо́м, selten waren Konzerte in Sälen möglich, häufiger waren dafür die Auftritte in Wohnzimmern als квартирник. [4 Erklärung]

Jegor Letow - Mentopia.net Jegor Letow - Mentopia.net Jegor Letow - Mentopia.net
Konzertankündigung / Kassetten einiger магнитоальбо́мы Jegor Letow als квартирник Jegor Letow als квартирник

Гражданская оборона - Фестиваль "СыРок-88", Москва, 4 декабря 1988 г.
Graschdanskaja Oborona - Festival "SyRok-88", Moskau, 4. Dezember 1988
Zeitmarken und Links zu Infos und Texten im Video bei Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=9A3t20HgQ0o

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Auch nach dem Ende der UdSSR mieden die Major-Label Jegor Letow - er galt als unverkäuflich und er tat nichts, diesen Status zu ändern - im Gegenteil. Sein Engagement in Eduard Limonows Nationalbolschewistischer Partei (Национал-большевистская партия НБП, mehr Infos dazu hier) "verbrannte" Letow vermutlich endgültig für die Majors. Er hatte (und hat) jedoch eine extrem treue Fangemeinde, weswegen sich russische Independent-Label des Werkes von Letow annahmen. So blieben Letow und sein Werk außerhalb eines Phänomens, das für den westlichen Kulturbetrieb im Allgemeinen und die Musikindustrie im Besonderen charakteristisch ist: Die Marktmechanismen assimilieren praktisch alles, was revoltierend daherkam und - heute eher selten - daherkommt. Alle sogenannten "Jugendrevolten" von den Beatles über die Rolling Stones bis zu den Hippies, von Friedensbewegten bis zu singenden Kommunisten (letztere vielleicht nicht in den USA, in Europa dafür um so mehr), von The Doors über den Punk bis zu Nirvana, von Hip Hop zum Rap, von Black Sabbath über Gotic bis zu den angeblichen oder tatsächlichen "Satanisten" des Black Metal - alles wurde assimiliert und dem etablierten Kulturbetrieb hinzugefügt - und natürlich vermarktet. Nur ganz wenige Künstler, wie zum Beispiel Calvin Russell, galten und gelten als nicht assimilierbar und Letow war einer der Wenigen.

Schließlich noch kurz zu den Großpoeten der modernen, nichtklassischen Musik - auch diese stehen alle auf der Liste meine Allzeitfavoriten und das sind Tom Waits, Frank Zappa, Peter Gabriel, Peter Hammill (Van der Graaf Generator), Ian Curtis (Joy Division), Henry Rollins und Nick Cave. Zur Qualität der Letowschen Texte habe ich oben schon einige Sätze geschrieben, sie sind in der Summe poetischer, stilistisch und inhaltlich komplexer, in der Aussage bis zur Radikalität konsequenter und sehr viel authentischer als das, was die genannten Beispiele zu Papier brachten. In Sachen Poesie, stilistischer Komplexität und Authentizität bewegten sich Ian Curtis und der frühe Henry Rollins auf ähnlichem Niveau, wobei ihnen naturgemäß die hohe Kunst des russischen Mat fehlte. In Punkto Konsequenz bis Radikalität der Aussagen waren Frank Zappa und der frühe Henry Rollins auf einem ähnlich hohen Level. Allerdings neigen die genannten Poeten und Songtexter, insbesondere Tom Waits, Ian Curtis und Nick Cave, zur ausgiebig zelebrierten Nabelschau und Reflexion der eigenen Befindlichkeiten, wenn auch auf sehr hohem Niveau. Diese künstlerische Variante des westlichen Hedonismus war Letow fremd, seine Texte sind poetische Beobachtungen und Betrachtungen allgemeiner, sozialer Phänomene und des Agierens der Menschen in diesen Kontexten.

Bleibt als Fazit meines kleinen Selbstversuches die Feststellung, dass meine Begeisterung für Jegor Letow keineswegs eine Nebenwirkung meiner Projektion auf Russland und das Russische an und für sich ist, allerdings kommt sie dieser doch sehr entgegen. Jegor Letow gehört zu den ganz Großen der modernen, nichtklassischen Musik, auch wenn sich das, was man bei verstorbenen Musikern gerne Legacy, also Vermächtnis nennt, weitgehend auf Russland beschränkt.

Егор Летов - Русское поле экспериментов
Jegor Letow - Russisches Experimentierfeld
Text (ru/en): https://bit.ly/2Tr3HC6 (URL Shortener nach lyricstranslate.com)
Das Lied ist ein beeindruckendes Beispiel für Letows Posie und die bemerkenswerte und ungewöhnliche Aussdrucksstärke und Kraft seines Gesangs. Hier eine nicht minder beeindruckende Live-Version des Liedes:
https://www.youtube.com/watch?v=wGjm8UUEtuM
Die Frau auf den Bildern ist Janka Djagilewa, sie war selbst eine begnadete Poetin und Sängerin - ein singender Engel. Janka war Letows erste Ehefrau, sie hatten auch gemeinsame musikalische Projekte. Janka verstarb um nach dem 9. Mai 1991, dies war der Tag, an dem sie zuletzt gesehen wurde und deshalb als ihr Todestag festgelegt wurde. Das genau Datum ihres Todes ist nicht bekannt, ihr Leichnam wurde am 17. Mai 1991 von Fischern nahe Nowosibirsk in der Inja, einem Nebenfluss des Ob, treibend aufgefunden (an diesem Ort). Hier meine YouTube-Playlist mit Aufnahmen von Janka Djagilewa:
https://www.youtube.com/playlist?list=PLDVbSWOufrnmzgbJ1HnZmhtvNNsOvyP7N

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Fußnoten und Quellen

[1] Biografie Sergej Letow: http://www.letov.ru/BIO.htm

[2] In einem Text über die Группировка Ленинград habe ich einiges zum Mat geschrieben: https://www.mentopia.net/musik/skapunk-urban-brass...

[3] "John Lydon is almost unrecognisable": https://www.mirror.co.uk/...
"Afternoon Beers With a Former Sex Pistol": https://www.nytimes.com/2018/...

[4] Ein магнитоальбо́м (Magnotoalbom, von магнитофонный альбом, das bedeutet magnetofonisches Album) war ein Musikalbum, das in Ermangelung eines Musikverlages von den Musikern auf einem Band eingespielt, veröffentlicht und meistens kostenlos oder zum Selbstkostenpreis verteilt wurde. Der Begriff квартирник bedeutet Untermieter und bezeichnete auch Musiker, die in Wohnungen Konzerte gaben.