Jegor Letow - der singende Philosoph

»Die Situation ändert sich - wir müssen situationsübergreifend handeln. Es gibt ein Lied "Ich werde immer dagegen sein", aber ich kann gleichermaßen singen "Ich werde immer dafür sein". Wenn sich die Situation ändert, ist das jedes Mal eine Falle für einen Narren. Für einen intelligenten Menschen ist dies ein Sprungbrett, um auf die nächste Stufe zu springen. Darum geht es bei all unserer Musik - bei unseren politischen Spielen, Ausflügen in die Politik, bei Handlungen oder bei demonstrativer Untätigkeit. Manchmal ist Untätigkeit viel cooler als Action. Das ist es, was wir unser ganzes bewusstes Leben lang tun - es ist jetzt bewusst und klar, weil es zu Beginn der Ära Momente gab, in denen wir aus Naivität gehandelt haben.«
Jegor Letow im Gespräch mit Sergeij Gurjew [1 Quelle]

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Jegor Letow war einer der produktivsten und sowohl in seiner Musik als auch seiner Persönlichkeit bemerkenswertesten, diesseits der NATO-Grenzen jedoch praktisch unbekannten und wohl am meisten unterschätzen Musiker der Geschichte der modernen Unterhaltungsmusik. Wobei die Zuordnung nur formaler Art ist gemäß der - oft unsinnigen - Unterteilung in E- und U-Musik, denn unterhaltsam ist Letows Werk ganz und gar nicht. Die Kompositionen und mehr noch die Lyrik sind - nicht nur für dieses Genre - außergewöhnlich anspruchsvoll.
Im Grunde war Letow ein singender Philosoph, die Musik war ihm "nur" Träger seiner Botschaft. Das wichtigste Thema seiner Texte und Gedichte ist eine oft existenzialistische Schilderung und Analyse des potentiellen und tatsächlichen Irrsinns menschlichen Treibens in sozialen Kontexten, wobei Letow nie den depressiven, nachgerade verzweifelten Duktus - auch die eher singende Philosophen mit demselben Themenkreis wie Letow - eines Ian Curtis oder eines Kurt Cobain an den Tag legte. Der Grundtenor der Texte Letows ist vielmehr ein nüchterner und desillusionierter Pragmatismus, der von der permanenten Forderung nach Gerechtigkeit geprägt ist. Damit ist allerdings nicht eine Gerechtigkeit als Ergebnis einer allgemeinen Nivellierung gemeint, wie sie hierzulande verstanden wird, sondern Letow meinte eine ideelle, nicht ans Materielle gebundene Gerechtigkeit. Gleichwohl war ihm bewusst, dass es die nicht geben wird und wahrscheinlich nicht geben kann, was der Grund für die beiden zentralen Leitmotive seines Lebens war: »Я всегда буду против!« (Ich werde immer dagegen sein!) und »Без меня« (Ohne mich). [2 Anmerkung]

Гражданская оборона - Против | Graschdanskaja Oborona - Dagegen
Аlbum "Песни радости и счастья" (Lieder der Freude und des Glücks), UdSSR 1989, diese Version Russland 2007
1987 geschrieben, aufgenommen am 4. August 1989, Erstaufführung auf dem II. Nowosibirsker Rock-Festival im Kulturpalast Tschkalow, Nowosibirsk, UdSSR, 14. April 1988 [Webseite des ДК (ру), Wikipedia (ру)]

Eben weil die Musik für Letow "nur" das Transportmittel für seine Philosophie war, änderte er seinen Stil permanent und komponierte und nahm auf - meistens in seiner Omsker Wohnung und oft im Alleingang alles Instrumente einspielend -, ohne auch nur einen Gedanken an mögliche öffentliche Reaktionen zu verschwenden. Er mischte, ausgehend vom Punk, verschiedene Stile wie Psychedelic Rock, Garage Rock, Grunge und andere inklusive der heimischen wie Estrada und russischer Chanson, bis er schließlich in einer kreativen Pause zwischen 1999 und 2000 zu einem unverwechselbaren Stil sui generis fand. Aber selbst der Punk, mit dem er 1982 seine musikalische Karriere mit der Band Посев (Saat) begann und mit dem er sie ab 1984 mit Гражданская оборона (Graschdanskaja Oborona - Zivilverteidigung, Bürgerwehr) fortsetzte, trug eine ganz eigene Handschrift, weswegen er einer der zwei Protagonisten seines eigenen Genres sui generis war, des Sibirischen Punk. Die zweite Protagonistin war seine ebenso geniale Frau Janka Djagilewa, die am 9. Mai 1991 verstarb.

Wie ich die russische Musik entdeckte - https://www.mentopia.net/musik/russische-musik-mit-videos

Die meisten Kritiker, auch und gerade die russischen, hielten - die westlichen tun es bis heute - russische Pop- und Rockmusik im Vergleich zu ihren westlichen Kollegen musikalisch stets für zweitklassig. Das betraf - für jene Zeit bis ungefähr zum Jahr 2000 meistens zu Recht - die mit Beginn der 1970er Jahren populär werdenden Bands wie Аквариум (Aquarium), Машина времени (Zeitmaschine) und Пикник (Picknick) ebenso wie die in den frühen 1980er Jahren gegründeten Gruppen wie ДДТ (DDT), Зоопарк (Zoopark) und Алиса (Alisa, Alice), denen man ihre westlichen Vorbilder anhörte. (Das ist mittlerweile anders, dazu mehr in [Anmerkung 3) Doch die russische Pop- und Rockmusik zeichnete etwas anderes aus, das die westliche Musik in derselben Zeit zugunsten eines als Individualismus missverstandenen konsumistischen Hedonismus verlor: Texte, Bedeutungen, Botschaften, Atmosphäre, eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimat, Seele - kurz: Inhalt. Im Fall von Letow gilt das ganz besonders. Gleichwohl passt Letow nicht vollständig in das Konzept der russischen Pop- und Rockmusik, er ist singulär, auf sich allein gestellt - sui generis eben. Er existiert ganz gut für sich ohne den russischen Rock, der wiederum kann aber nicht auf ihn verzichten.

Jegor Letow

Eine wörtliche Übersetzung der Texte Letows ist wegen der Verwendung des russischen мат schwer möglich, ich habe sie, insbesondere durch Einfügen der im Original nicht vorhandenen Interpunktion, angepasst.
Muss der Text heute noch irgendwen interessieren?

Das Wesentliche an Letow ist jedoch etwas anderes: Jegor Letow ist zuallererst ein russischer Denker und sein Werk ist die Manifestation des russischen Geistes, in dem Niederlage und Sieg eng miteinander verflochten sind, in dem jede Errungenschaft nur möglich ist durch Heldentum. Russen gewinnen nicht "wegen", sondern "trotz". Die Russen gehen - im übertragenden Sinne - nicht auf Straßen, sondern kämpfen sich auf schneebedeckten Feldern und durch einen Schneesturm, um zahllose Hindernisse zu überwinden, vor allem aber ihr Ich.
Es gibt den Topos des "nationalen Genies", was bedeutet, dass dieses Genie ohne das Land und die Nation seiner Herkunft unmöglich oder undenkbar ist. Das waren zum Beispiel in Deutschland Goethe, Nietzsche oder Wagner, in Russland Dostojewski, Tolstoi und Mussorgski, in den USA Twain, Poe und Gershwin. Es kann hierbei passieren, dass ein Genie oder ein großes Talent für niemanden außer für sein Volk verständlich ist. Unabhängig davon, wie oft seine Arbeit in andere Sprachen übersetzt wird - es erregt weder großes Interesse noch vor allem Verständnis. Genau dies trifft auf das Genie Letow zu - er ist vor allem russischen Menschen verständlich - und nahe. Das vielleicht nachgerade klassische Beispiel für dieses Phänomen ist das Lied "Кукушка" (Kuckuck) von Wiktor Zoi und seiner Band "Кино". Das Lied ist ein absoluter Geniestreich, der Text sagt über Selbsterkenntnis und Willenskraft mehr als zehn gelehrte Bücher aus den psychologischen und philosophischen Fakultäten, es ist die Titelmusik in einem auch im Westen erfolgreichen Film ("Битва за Севастополь", "Schlacht um Sewastopol", der hierzulande unter dem ebenso reißerischen wie idiotischen Titel "Red Sniper - Die Todesschützin" in die Kinos kam) - und es ist trotz zahlloser russischer Coverversion im Westen de facto unbekannt.

Das Original - Кино mit "Кукушка" https://www.youtube.com/watch?v=vM2O-weQuEA
Der Text des Liedes (div. Sprachen) https://lyricstranslate.com/en/...der-kuckuck.html-0
Ein Interpretation des kleinen Supertalents Jaroslawa Degtjarewa https://www.youtube.com/watch?v=UiRlNCUnnEQ
Mehr über Jasja https://www.mentopia.net/musik/54-jaroslawa-degtjarewa-yasya-degtyareva
Eine aktuelle Interpretation der fantastischen Polina Gagarina https://www.youtube.com/watch?v=d6l1XkKTcdg

Jegor Letow - Mentopia.net Jegor Letow - Mentopia.net
Jegor Letow - Mentopia.net

Links ein Flyer und rechts ein Ticket für das legendäre Konzert von Гражданская Оборона vom 11.12.1994 im Дворец культуры имени Чкалова (Д.К. Чкалова, Kulturpalast "Tschkalow") in Nowosibirsk mit dem Titel "Русский прорыв в Новосибирске" (Russischer Durchbruch in Nowosibirsk), hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=iSCUHPvgPbY.

ГрОб Texte #1 (div. Sprachen) - https://lyricstranslate.com/en/grazhdanskaya-oborona...
ГрОб Texte #2 (ру/en) - https://text-pesni-perevod.ru/grazhdanskaya_oborona/
ГрОб Texte #3 (ру/en) - http://slushat-tekst-pesni.ru/grazhdanskaya-oborona/
ГрОб Texte #4 (ру/en/de) - https://lyricsaround.com/en/grazhdanskaya_oborona/
ГрОб Konzertchronik - https://grob-hroniki.org/live/
Hinweis: Jegor Letow verwendet in seinen Texten russischen мат (Mat, mehr dazu hier), der wegen seiner Doppeldeutigkeiten und Mehrfachbedeutungen schwer und mitunter gar nicht zu übersetzen ist und im Kontext interpretiert werden muss. Darüber hinaus gibt es im Russischen Unterschiede zur deutschen und englischen Sprache, die eine Übersetzung nicht eben einfacher machen. So gibt es im Russischen keine bestimmten oder unbestimmten Artikel vor dem Substantiv und das Hilfsverb "sein" wird im Präsens nicht verwendet. Deswegen sind einige Übersetzungen unzulänglich, zumal zu bedenken ist, dass die Übersetzer in aller Regel ambitionierte Laien sind.

Dies alles sowie die Tatsache, dass er alle, nach dem Einzug des Kapitalismus ins vormalige Sowjetreich sich auch dort durchsetzenden Regeln der Kreativitäts- und Kunstvermarktung konsequent ignorierte, sich der Vermarktung nachgerade verweigerte, dürften die Gründe für die außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion de facto nicht existente Wahrnehmung seines ebenso umfang- wie facettenreichen Werkes sein. Jegor Letow ist - gleichwohl er ein herausragender Lyriker war und als einer der wenigen Musiker de facto ein eigenes Genre schuf - der wohl am meisten unterschätzte Künstler der modernen Musik. Außerhalb der Grenzen der Russländischen Föderation war und ist er weitgehend unbekannt, auch wenn ihm Massive Attack mit einer Coverversion eines seiner bekanntesten Lieder "Всё идёт по плану" (Alles läuft nach Plan) ein musikalisches Denkmal setzte. [4 Link] Verstärkt wird der Effekt natürlich auch durch die Weigerung, sich auch nur ansatzweise auf die russische Sprache einzulassen, so ist jedenfalls meine Erfahrung in den sogenannten sozialen Medien mit meinen eher erfolglosen Bemühungen, den deutschen Lesern die russische Musik nahezubringen.

Гражданская оборона - Против | Graschdanskaja Oborona - Dagegen

Auftritt auf dem Festival "СыРок-88" am 4. Dezember 1988 im Konzertsaal des riesigen Hotelkomplexes "Измайлово" [das Ismailowo bei Wikipedia]. Der Auftritt von Graschdanskaja Oborona war eigentlich nicht vorgesehen, Freunde "schmuggelten" GrOb als 23. und letzten Auftritt in die Liste, und zwar absichtsvoll, auch wenn der Veranstalter das noch 30 Jahre später etwas verdruckst abstreitet. Er schreibt: "Das heißt, es stellte sich heraus, dass GO als eine Art Gaststar fungierte, unter Bedingungen, die sich grundlegend von denen der übrigen Teilnehmer unterschieden." [Mit GO ist Graschdanskaja Oborona gemeint, Quelle (ру).] Letow und die Band hatten seinerzeit schon unionsweit den Ruf, immer für einen musikalischen resp. politischen Skandal gut und vor allem zu haben zu sein und genau das, nämlich sich grundlegend von den übrigen 22, eher harmlos und mehr oder wenig gefällig vor sich hin spielenden Bands zu unterscheiden, boten Letow und GrOb auch auf die denkbar radikalste Weise. Bis zu Letows Auftritt war für die anwesenden Vertreter der Moskauer Kulturbehörden und des KGB, die das wilde Treiben beobachteten, die Veranstaltung zwar nicht schön, aber doch irgendwie in Ordnung - danach nicht mehr. Perestroika hin, Glasnost her - man wollte keine Lieder wie "Totalitarismus", "Harakiri", "Nekrophilie" (auf die Parteikader bezogen), "KGB-Rock", "Horror und moralischer Terror" und eben "Dagegen" hören. Es gab keine weitere Veranstaltung des seit 1985 stattfindenden Festivals mehr und Letow war ein weiteres Mal mit seiner Frau Janka auf der Flucht vor dem KGB. Der komplette Auftritt mit Links zu den Texten hier: https://www.youtube.com/watch?v=9A3t20HgQ0o.



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Jegor Letow verstarb am späten Abend des 19. Februar 2008 im Alter von 43 Jahren an einem akuten Atemversagen infolge einer Alkoholvergiftung. Er wurde am 21. Februar auf dem Altöstlichen Friedhof in Omsk neben dem Grab seiner Mutter beigesetzt.

Die Frau auf den Bildern ist Janka Djagilewa, sie war selbst eine begnadete Poetin und Sängerin - ein singender Engel. Janka war Letows erste Ehefrau, sie hatten auch gemeinsame musikalische Projekte. Janka verstarb nach dem 9. Mai 1991, dies war der Tag, an dem sie zuletzt gesehen wurde und deshalb als ihr Todestag festgelegt wurde. Das genau Datum ihres Todes ist nicht bekannt, ihr Leichnam wurde am 17. Mai 1991 von Fischern nahe Nowosibirsk in der Inja, einem Nebenfluss des Ob, treibend aufgefunden (an diesem Ort).


Texte zu Letows Leben und Werk - Eine Würdigung  | Das Idol  | YouTube-Diskografie

Nein, muss er nicht, aber vielleicht sollte er das. Wer sich nun fragt, was ihn die Sowjetkommunisten und das 1987 geschriebene Lied eines wütenden, jungen Russen - aus dem tiefsten Sibirien zumal - heute noch interessieren, geschweige denn angehen, sollte sich nach vorheriger Deaktivierung automatischer Zustimmungs- oder Ablehungsreflexe möglicherweise doch einmal gründlicher in den Leit- und Qualitätsmedien umsehen - oder ergänzend auch hier und gerne auch hier - und danach statt "Kommunisten" und "Sowjets" einfach mal ein großes X setzen. Natürlich bieten sich auch Begriffe wie beispielsweise "Globalismus" und "Liberalismus" oder die Namen der Protagonisten dieser Ideologien an. Sicher, heute sind die Methoden subtiler, aber klingt das Motto »Lasst uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben« noch immer so befremdlich bolschewistisch, wie es das vor drei, vier Dekaden tat? Ja, die Hand ist sanfter, hin und wieder geradezu schmeichelnd geschmeidig, aber ist es nicht das, was ein erheblicher Teil nicht nur junger Menschen unterschiedlichster, aber immer konsequent ahistorischer Geisteshaltung zwar - oft in Ermangelung des adäquaten Wortschatzes - so nicht formuliert, jedoch offensichtlich denkt? Auch kommt heute das, was damals Dramatik und Tragödie war, zumindest in unseren Breiten eher als Farce und Groteske daher, manchmal auch als Komödie, wenn es einen nicht zu tangieren scheint - was haben wir gelacht! Besser noch - die Führer sind jetzt im Zeichen von gender equality und diversity Führer*innen - für ehrenvoll halten sie sich freilich allemal - und für ebenso unfehlbar, wie jene, in der prosowjetischen F***e verschwundenen Väter. Wohl wahr, heute geht man aus Gründen der Opportunität auch nicht mehr so verschwenderisch mit Munition um, solange es keine vitalen geostrategischen Interessen durchzusetzen gilt, die Patronen gibt es erst im Zweifelsfall in die widerspenstige Brust. Doch trotz all dieser Differenzen im Detail - der erwartete (und zu erwartende) Effekt in Bezug auf die Individuen als gesellschaftliche Wesen ist derselbe - nämlich »im Dunkeln, Kreis für Kreis, mit aufgerissenen Augen aufrichtig die erzwungene Freude zum Ausdruck zu bringen«, sofern man an den kommoden Seiten des Lebens teilhaben und sozial anschlussfähig bleiben möchte.
Um etwaige Missverständnisse zu vermeiden - nein, dies geht nicht gegen die Politik als solche oder gegen konkrete Protagonisten dieses merkwürdigen Geschäfts. Gleich welcher Fraktion, parlamentarischer Sitzordnung oder weltanschaulicher *ismen - die tun (oder lassen) nur, was die große Mehrheit der Menschen von ihnen erwartet - deshalb sitzen sie ja da, wo sie sitzen. Die sind selbst nur Getriebene in einem System, dessen Fundament die Gier und dessen zentrale Handlungs- und Gestaltungsmechanismen und -motivationen materielle Korruption und emotionale Manipulation sind, woraus man mit entfesseltem Hedonismus und Konsumismus, mit der Atomisierung der Gesellschaft und erklärter Irrelevanz ethischer Werte auch keinen Hehl mehr macht - und die aus all dem resultierenden Idiotisierung hat als Individualismus zu gelten. Genau gegen diesen gesamtgesellschaftlichen und oft mörderischen Irrsinn hat Letow - zwar ahnend, aber ohne wissen zu können, welches Ausmaß das annehmen wird - in buchstäblich jedem seiner Lieder auf die eine oder andere Weise angesungen, freilich ohne signifikanten Erfolg. Aber das ist es, was sein Werk so universell und zeitlos macht, mir fällt nur Frank Zappa als ähnlich kosequentes Beispiel in der modernen Populärkultur ein, gleichwohl er sehr viel geschäftstüchtiger als Letow war. [5 Anmerkung]
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Fußnoten und Quellen

[1] Sergeij Gurjew: Narrenfalle - Dialog mit Jegor Letow. Контркультура 5/2002
http://www.gr-oborona.ru/pub/pub/1056115073.html

[2] Hier spielen zwei russische, für den westlich konditionierten Konsumenten nur schwer zu fassende und de facto nicht übersetzbare Besonderheiten eine Rolle - тоска (Toska) und авось (awos). Rein lexikalisch bedeuten die Begriffe "Schwermut, Trauer" und "vielleicht, hoffentlich", diese Übersetzungen beschrieben aber nicht ansatzweise das Wesen der beiden Phänomene, die Kernelemente des russischen Selbstbildes und zentrale Elemente dessen sind, was man die "russische Seele" nennt. Eine gründliche Erörterung der Begriffe führte an dieser Stelle aber weit, das hebe ich mir für später auf.

[3] In den letzten zwanzig Jahren hat sich die russische Populärmusik rasant professionalisiert und ist mittlerweile von außerordentlicher Qualität, und zwar nicht nur in Lyrik und Gesang, das war sie schon immer, sondern auch in der Instrumentierung und in den Arrangements als auch in den Bühnenshows. Seit etwa 2010 bestimmt eine neue Generation von Musikerinnen und Musikern die Szene, die mich ob ihrer Qualität immer wieder aufs Neue erstaunen. Hier einige Beispiele, um die enorme Breite des Spektrums der russischen Populärmusik wenigstens ansatzweise zu illustrieren. Nur zur Erinnerung, es geht hier nicht um Geschmack, über den lässt sich endlos, also gar nicht streiten, sondern um Qualität - man beachte die Kunstfertigkeit der Begleitbands (und die Mitsingbegeisterung der Crowd, was bei den 2020er Kozerten der Umstände wegen nicht funktioniert):
Burito - Crocus City Hall 2019 https://www.youtube.com/watch?v=QKHOdf4Cezs
Polina Gagarina - Live @VK Fest 2020 https://www.youtube.com/watch?v=x5hL9kDsn6Y
Lena Teminkowa - Live @VK Fest 2020 https://www.youtube.com/watch?v=G8Dg90UNtco
Maxim Fadejew - Crocus City Hall 2018 https://www.youtube.com/watch?v=o3m6SPPQiPs
Louna - Live @Re:Public, Minsk 2019 https://www.youtube.com/watch?v=Gb3HKUS537A&t=163s
Pelageja - МТС Live 2020 https://www.youtube.com/watch?v=4xDrRU8GCig
Noize MC - XV live 2019 https://www.youtube.com/watch?v=Rv6sf24gCX4
Ёлка - Crocus City Hall 2019 https://www.youtube.com/watch?v=PSGgqZqt9u4
Баста - Олимпийский концерт 360° 2017 https://www.youtube.com/watch?v=SBe2iBA8gug
Grigori Leps - Жаркий Новый Год 2020 https://www.youtube.com/watch?v=UxAcq-hlTRY
ЯАVЬ - Live @VK Fest 2020 https://www.youtube.com/watch?v=Qf8rDHu6PY4
Mari Kraimbreri - Adrenaline Stadium 2019 https://www.youtube.com/watch?v=ly87YVmSuLk
Тимати - Generationen-Konzert СК Олимпийский 2018 https://www.youtube.com/watch?v=1_98mY7Lq5Q
Би-2 - ВТБ Арена 2017 https://www.youtube.com/watch?v=gCsY8PwNFv4
группировка Ленинград - Zenit Gazprom-Arena 2018 https://www.youtube.com/watch?v=DgESrjlJMZc
Meine YouTube-Playlisten
Russischer Rap und Hip Hop https://www.youtube.com/playlist?list=PLDV...mWh
Russischer Rock und Pop https://www.youtube.com/playlist?list=PLDV...Ba3

[4] Massive Attack - Всё идёт по плану (2019) https://www.youtube.com/watch?v=y2DSv0oI_9k

[5] "Laßt uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben" war das, aus schmiedeeisernen Buchstaben über dem Eingangstor angebrachte Lagermotto des Lagers Solowiki auf den Solowezki-Inseln. Es war das erste große Lager des Roten Terrors, der von Alexander Solschenizyn geprägte Begriff "Archipel Gulag" bezieht sich auf dieses Lager, weil die Solowezki-Inseln ein Archipel sind (hier auf der Karte aus der Ferne und aus der Nähe). Das Lager befand sich in einer historisch und architektonisch einmaligen Klosteranlage, die religionshistorisch so bedeutsam ist, weil sie die letzte und überdies von den Mönchen militärisch ausgebaute Festung der Altorthodoxen war, auch Altgläubige genannt, die sich den Reformen des Patriarchen Nikon ab 1652 widersetzten, was schließlich eine siebenjährige Belagerung des Klosters zur Folge hatte.
Literaturfreunden sollte der Name des Gulags in Verbindung mit Maxim Gorki ein Begriff sein, denn seine fast hymnischen Beschreibung einer Reise auf die Solowezki-Inseln zum Gulag Solowki, in der er die erfolgreiche "Umschmiedung" der Häftlinge zu guten Sowjetbürgern pries, ist ein ewiger Schandfleck auf dem ansonsten großartigen Œuvre dieses genialen Schriftstellers. Die Lagerleitung inszenierte für Gorkis Besuch am 20.06.1929 ein Spektakel mit neu eingekleideten (die Kleidung mussten sie nach Gorkis Abreise wieder abgeben) und frisch rasierten und frisierten Häftlingen, die Zeitung lesend in der Sonne saßen. Es ist überliefert, dass eine kleine Gruppe die Zeitungen verkehrt herum hielt, um Gorki die Maskerade zu signalisieren und dass Gorki einem Häftling die Zeitung abnahm und sie richtig herum drehte, um zu zeigen, dass er verstanden hatte. Dennoch schrieb er - möglicherweise auf direkte Weisung Stalins, dem man schon 1929 keine Bitte abschlagen sollte, wenn einem etwas an Freiheit und Gesundheit lag - den Bericht, der von der Parteiführung - Gorki war ja eine internationale Berühmtheit - in der Welt verteilt wurde.
Hier ein Text zu Solowiki: https://web.archive.org/...Artikel_Schloegel_de.html
Artikel bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Gulag#Solowezki