Totalitarismustheorie - Arendt, Brzeziński und die Linke

Es gibt in der Politikwissenschaft wohl keine zweite Theorie, die so vehement diskutiert, so intensiv gehasst, so häufig politisch missbraucht und dabei so oft missverstanden wurde wie Hannah Arendts Totalitarismustheorie. Das ist einerseits erstaunlich, weil sie so schwer auch nicht zu verstehen ist, andererseits verständlich, weil getroffene Hunde halt bellen. Kurios ist die bis heute gepflegte vehemente Ablehnung der Theorie nach Hannah Arendt seitens der Linken, insbesondere deshalb, weil dieselbe Fraktion - oder jene Vertreter, die sich für "links" halten - die gleichnamige Version des Imperialisten und Globalisten Brzeziński mehr oder weniger umstandslos in ihren Fundus ideologischer Versatzstücke übernahmen. Wie und warum es dazu kam, möchte ich in diesem Text erörtern.

Der Begriff "Totalitarismus" wurde von dem italienischen Journalisten und Politiker Giovanni Amendola in einem Zeitungsartikel in der Il Mondo vom 12. Mai 1923 zur Beschreibung des italienischen Faschismus als sistema totalitario geprägt und von Hannah Arendt 1951 in "The Origins of Totalitarianism" (Erstauflage in Deutschland 1955 unter dem Titel "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft") übernommen und detailliert und wissenschaftlich fundiert ausgearbeitet. [1 Quelle] Freunde machte sich Hannah Arendt mit der Theorie nur wenige. Seitens der Linken wurde sie - und wird es von denen fast ausnahmslos bis heute - wegen der angeblichen Gleichsetzung des Hitler-Regimes mit der UdSSR inbrünstig gehasst, was in aller Regel pauschal ihr gesamtes Werk umfasst.

Eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus, geschweige denn der gesamten Politik der Sowjetunion Zeit ihres Bestehens, geben zwar weder "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" noch ihre späteren Werke her, aber das ist den selbsternannten Linken egal. Doch zunächst gilt es zum Verständnis der weiteren Erörterung innerhalb der Linken zu differenzieren, wobei die Benennung der Strukturen nicht von mir ist, sondern der Einfachheit halber der allgemein gebräuchlichen in Politik- und Geschichtswissenschaft entspricht. Ansonsten gilt es auch hier, meinen diesbezüglichen Hinweis #1 zu beachten.
Die linke Parteienlandschaft war in der Bundesrepublik zwar unübersichtlich, aber - im Gegensatz zur heutigen Linken - klar strukturiert und in ihrer Ideologie definiert, wenn auch oft nicht sonderlich sinnvoll. Insgesamt spricht man von der sogenannten Neuen Linken, wenn man das Spektrum linker Parteien und Bewegungen meint, das sich nach der Entstalinisierung ab Ende der 1950er in Westeuropa und den USA herausbildete. Um in Westdeutschland zu bleiben - hier unterteilte sich die Szene zum einen in die dogmatische Neue Linke, womit im Wesentlichen die meistens als straff geführte Kaderorganisationen agierenden K-Gruppen gemeint sind - die bekanntesten beziehungsweise aktivsten waren die Kommunistische Partei Deutschlands (Aufbauorganisation), die Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten, der Kommunistische Bund Westdeutschland und der Bund Westdeutscher Kommunisten.

Zum anderen gab es die undogmatische Neue Linke, das waren hauptsächlich die Spontiszene und Kommunen. Die dritte Fraktion war die extrem linksradikale und linksterroristische Szene, wozu die Bewegung 2. Juni, die Rote Armee Fraktion, die Revolutionären Zellen und die Rote Zora zählten, wobei die Gründer aus dem Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und spätere Mitglieder aus der undogmatischen Neuen Linken kamen. Diese Fraktion kann in der weiteren Erörterung außer Acht gelassen werden, weil diese Gruppen, wenn überhaupt auf einem, dann auf einem eigenen theoretischen Fundament agierten. Auch der Eurokommunismus kann ignoriert werden, weil er in Westdeutschland nie wirklich Fuß fassen konnte.

Somit bleiben zur Betrachtung des Verhältnisses ihrer Akteure zu Hannah Arendt die dogmatische und die undogmatische Neue Linke. Hier gibt es wiederum drei Fraktionen. Die erste ist die trotzkistische Linke, also jene, die sich auf Leo Trotzki und sein Werk beriefen. Das war im Wesentlichen die Gruppe Internationale Marxisten, welche zugleich die deutsche Sektion der Vierten Internationale war und die 1986 gemeinsam mit der KPD/ML in der Vereinigten Sozialistischen Partei aufging. Die Trotzkisten teilten die Sichtweise Hannah Arendts in Bezug auf ihre Totalitarismustheorie, taten das aber leise und meines Wissens nie öffentlich, um nicht mit den Renegaten um Arthur Koestler, Manès Sperber und dem Congress for Cultural Freedom (CCF, Kongress für kulturelle Freiheit) in Verbindung gebracht zu werden. [2 Hinweise und Quellen] Zwar beriefen sich Koestler, Sperber und andere Teilnehmer und - als er nachfolgend institutionalisiert wurde - Mitglieder des Kongresses auch zumindest ihre Totalitarismustheorie betreffend auf Hannah Arendt, allerdings war der Kongress, der erstmals vom 26. bis zum 30. Juni 1950 in Westberlin tagte, eine Gründung der CIA und wurde bis zu seinem Ende nach der Enthüllung der diesbezüglichen CIA-Aktivitäten durch die New York Times im April 1966 von der CIA finanziert. Das war seinerzeit so, wie es auch heute noch ist - jeder weiß irgendwie, dass die NSA die Welt überwacht, das Ausmaß hat selbige aber erst durch Edward Snowden erfahren. So auch damals, man ahnte, dass die CIA dahintersteckte, davon abgesehen wären die Trotzkisten auch nicht willkommen gewesen.

Alle anderen Gruppierungen der dogmatischen und undogmatischen Neuen Linken lehnten Hannah Arendts Totalitarismustheorie rigoros ab und mit ihr alles, was Arendt je zu Papier brachte. Es wurde und wird auch heute noch ein regelrechter Hass auf Arendt ad personam kultiviert und das hat im Wesentlichen drei Gründe. Zum Ersten lehnte und lehnt die dogmatische Linke Arendt und ihre Theorie ab, weil sie angeblich den deutschen Nationalsozialismus mit Stalins Politik oder gar der Politik der UdSSR in Gänze gleichsetzte und damit nicht zuletzt auch das Opfer der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg herabwürdigte. Einige der noch existenten Gruppen berufen sich bis heute auf Stalin, wie zum Beispiel die MLPD, wie dieses Video (YouTube) illustriert.
Nicht zu unterschätzen ist dabei die Tatsache, dass Hannah Arendts Analyse an die Substanz des Selbstverständnisses vieler dogmatischer Linker ging. Beispielhaft sei hier der aufrechte Demokrat Joscha Schmierer genannt. Joscha Schmierer war von 1999 bis 2007 Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amts unter Bundesaußenminister Joschka Fischer sowie dessen Nachfolger Frank-Walter Steinmeier. "Schmierer war 1973 Mitbegründer der bedeutendsten und größten deutschen K-Gruppe, des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), und bis zu dessen Selbstauflösung 1985 seine Führungsfigur. Im Dezember 1978 reiste er mit einer KBW-Delegation zu einem Solidaritätsbesuch zum Diktator Pol Pot nach Kambodscha und sandte ihm auch nach Bekanntwerden des dortigen Terrors 1980, nach dem Einmarsch der vietnamesischen Truppen, noch eine Solidaritätsadresse. [...] Trotz seines späteren Pragmatismus und seiner etablierten Position hat Schmierer dennoch nie radikal mit seinen früheren Positionen gebrochen, sondern versucht, sie umzudeuten und so in eine gewisse Kontinuität einzuordnen. So erklärte er, es sei ihm im Grunde immer um Demokratie gegangen." [zitiert nach Wikipedia, 3 Quelle, Hinweise] Schmierer ist beileibe nicht der einzige dogmatische Linke, der sich für Pol Pots oder Enver Hoxhas Weg zum Kommunismus begeistert und so gesehen ist es fast verständlich, dass Hannah Arendts Theorie bei den Genossen der dogmatischen Fraktion auf wenig Interesse, sondern vielmehr auf Ablehnung bis zu blankem Hass stieß.
Zweitens lehnte die undogmatische Linke sowohl den Stalinismus als auch den nach der Entstalinisierung entstandenen real existierenden Sozialismus - eine von Erich Honecker erstmals auf der 9. Tagung des ZK der SED im Mai 1973 öffentlich verwendete Selbstbeschreibung - ab, war aber der Meinung, Arendts Theorie würde den Nationalsozialismus relativieren und - wenn auch unbeabsichtigt - verharmlosen. Das Erscheinen ihres Buches "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" in Deutschland im Jahr 1964 tat ein Übriges, beide Fraktionen in ihrer Haltung zu bestärken. Die belesenen unter diesen Linken wussten auch um Arendts freundschaftlich-ambivalentes Verhältnis zu Martin Heidegger nach 1950, um ihre Fürsprache zur Aufhebung des Lehrverbots für Heidegger und um ihre Unterstützung mit Übersetzungen und Veröffentlichungen von Heideggers Texten in den USA - all das förderte die Bereitschaft der Linken, sich mit Arendts Werk zu befassen, auch nicht. Diese rigoros ablehnende Haltung hat die undogmatische Linke in die Grünen eingebracht, wo sie auch heute noch zwar nicht bei allen, aber bei vielen Mitgliedern präsent ist.
Drittens war und ist die Linke in Gänze nicht sonderlich kritikfähig, weswegen ihr Arendts Anmerkungen in ihrem 1970 erstmals in Westdeutschland erschienen Buch "Macht und Gewalt" zur geistig-ideologischen Verfassung im Allgemeinen und zur Politik der Linken im Besonderen ganz und gar nicht gefielen. [4 Quelle] Hannah Arendts Urteil fällt zugegebenermaßen vernichtend für die Linke aus, hier ist insbesondere die westdeutsche gemeint:

»Das Merkwürdige an der Rhetorik der Neuen Linken ist, daß sie zwar im wesentlichen eindeutig von Fanon inspiriert ist, aber trotzdem in ihrer theoretisch-kritischen Argumentation kaum mehr bietet als ein meist recht primitives, mit Schlagwörtern durchsetztes Gemisch aus allen möglichen marxistischen Restbeständen. Dies Amalgam von Fanon und Marx ist für Leute, die Marx und Engels gelesen (und nicht nur Zitate aufgeschnappt) haben, einigermaßen verblüffend. Wer kann im Ernst eine Ideologie marxistisch nennen, die ihre Hoffnung "auf die Erwerbslosen und Deklassierten" setzt, die meint, daß "der Aufstand seine städtische Vorhut im Lumpenproletariat" finden werde, und darauf baut, daß "die Gangster ... dem Volk die Leuchtfeuer, die Aktionspläne und die 'Helden' liefern" werde?«
Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. S. 23 [5 Hinweis]

»Bleibt die Frage, wie es kommt, daß die neuen Prediger der Gewalt nicht merken, daß sie keine Marxisten mehr sind, und warum sie mit so hartnäckiger Zähigkeit an Begriffen und Doktrinen festhalten, die nicht nur durch die Entwicklung faktisch widerlegt sind, sondern auch eindeutig in Widerspruch zu ihrer eigenen Politik stehen. Zwar stammt die einzige positive Losung der neuen Bewegung, der Ruf nach "Mitbestimmungsdemokratie" (participatory democracy), aus dem Besten der revolutionären Tradition: dem Rätesystem [...] Und da der Mut dieser Generation in Sachen der Praxis mit einer ausgesprochenen Zaghaftigkeit in theoretischen Angelegenheiten Hand in Hand geht, ist die Losung der Neuen Linken rein rhetorisch-deklamatorisch geblieben, eine Art Beschwörungsformel im Kampf gegen die östlichen Einpartei-Bürokratien, welche Mitbestimmungsrecht prinzipiell ausschließen, wie gegen die westliche parlamentarische Parteien-Demokratie, die im Begriff steht, selbst ihre rein repräsentative Funktion an die riesigen Parteimaschinen zu verlieren, die nicht einmal mehr die eigenen Mitglieder, sondern nur noch die Funktionäre "repräsentiert".«
ebd., S. 25f.

Auf Grundlage dieser Haltung ergab sich für Hannah Arendt im Jahr 1968 eine Situation, die sie letztlich dazu brachte, ihre angedachten Pläne zur Rückkehr nach Deutschland aufzugeben und die Joachim Fest so berichtete:

»Hannah Arendt hatte an einer akademischen Veranstaltung in Heidelberg teilgenommen und war beim Betreten der Aula durch ein Spalier grölender, aufgebracht tobender Studenten gegangen. Sie wolle sich mit ihren Panikempfindungen nicht aufspielen, sagte sie. Aber die Gesichter und die aufgerissenen Münder, die da ganz nahe an sie herangekommen seien, hätten sie an die SA-Bengels von damals erinnert.«
[6 Quelle]

Am Rande sei an eine besonders perfide Tatsache erinnert - der Verlagsleiter des Piper-Verlags Hans Rößner, der die deutsche Ausgabe des Eichmann-Buches betreute, war während der NS-Zeit SS-Obersturmbannführer und Kulturreferatsleiter im Reichssicherheitshauptamt. Arendt hat davon nie erfahren. [7 Quelle]

Zur Person - Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus am 28.10.1964 "Das beste Gespräch, das ich je geführt habe." (Günter Gaus) Textversion: https://www.rbb-online.de/zurperson/...

Der vormalige "nationalsozialistische Antifaschist" (Selbstbeschreibung), Wehrmachts-Freiwillige und Partisanenjäger Johannes Agnoli (mehr zu Agnoli hier) hatte es da wesentlich leichter, die Herzen - oder was auch immer das gewesen sein mag - der Linken, besonders der undogmatischen Linken, zu gewinnen und das ist bis heute so geblieben. Auch wenn heute in linken und linksliberalen akademischen Zirkeln hin und wieder Arendt diskutiert wird - die Linken haben bis auf wenige Ausnahmen, insbesondere in der politischen Praxis, den Kern von Arendts Theorie nie begriffen. Im Gegensatz zu den Linken verstanden die Transatlantiker und Globalisten Arendts Theorie durchaus. Arendt hat den Begriff des Totalitarismus scharf von der Tyrannis, der Despotie und der Diktatur abgegrenzt, und zwar durch die Analyse des ideologischen, politischen und sozialen Fundaments des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Sie stellte die Besonderheiten und Gemeinsamkeiten dieser beiden Herrschaftssysteme heraus, was ihr eben neben den oben angeführten, kritischen Betrachtungen zur neulinken Theorie und Praxis den Hass der Linken einbrachte.

Zugleich war Arendts Theorie nur bedingt tauglich im propagandistischen Kontext der Transatlantiker und Globalisten. So hatte ihre Theorie aus Sicht der Politiker und Politikwissenschaftler im Geist beziehungsweise Dienst des sich seinerzeit gerade formierenden transatlantischen Bündnisses gegen die Sowjetunion zwei Haken. Einerseits ist sie relativ schwer verständlich und damit propagandistisch nicht verwertbar, was sicher auch daran liegt, dass Arendt - auch, wenn sie selbst sich nicht als Philosophin, sondern als politische Theoretikerin sah - nicht scharf zwischen Philosophie und Politikwissenschaft trennte, weswegen die Grenzen in ihren Werken diesbezüglich immer fließend waren und und ihre Argumentation in der Konsequenz sehr komplex werden ließ. [8 Quelle]
Andererseits ist Arendts Begriff vom Totalitarismus an klar definierte Kriterien gebunden, was in der Konsequenz bedeutet, dass es - ihrer Definition folgend - mit Stalins Tod und der Entstalinisierung der sowjetischen Politik in der Chruschtschow-Ära keine totalitären Regimes mehr gab. (Später erklärte Arendt, dass es ihrer Theorie zufolge mit dem deutschen Nationalsozialismus und in der Ära des Stalinismus in der UdSSR zwei vollständig totalitäre Systeme, in China temporär totalitäre Phasen - Großer Sprung nach vorn und Kulturrevolution - und in Kambodscha unter dem Regime der Roten Khmer im Demokratischen Kampuchea ein halbtotalitäres System gab.)

Allerdings waren die Transatlantiker und Globalisten kreativer als die Linken und etablierten eine eigene Theorie. 1956 erschien in den USA das Buch "Totalitarian Dictatorship and Autocracy" aus den Federn resp. Schreibmaschinen von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzeziński, dessen theoretische Kernaussagen Friedrich 1969 in dem Aufsatz "The Evolving Theory and Practice of Totalitarian Regimes" der Zeit, also dem Kalten Krieg, anpasste und teilweise überarbeitete. Im Grunde haben Friedrich und Brzeziński nicht viel mehr getan, als zwei systemanalytische Elemente, nämlich die Systemimmanenz der eliminatorischen Selektion und die Zweckwidrigkeit totalitären Terrors, und ein historisch-deskriptives Element - das Bündnis zwischen Eliten und Mob -, aus Arendts Theorie zu entfernen. Die Lücken füllten Friedrich und Brzeziński mit deskriptiven Aufzählungen verschiedener Elemente despotisch-diktatorischer Herrschaft auf.

Totalitarismuskonzepte 1 - Mentopia.net Totalitarismuskonzepte 2 - Mentopia.net Totalitarismuskonzepte 3 - Mentopia.net Totalitarismuskonzepte 4 - Mentopia.net

Eine vergleichende Darstellung der wesentlichen Inhalte der Totalitarismustheorien nach Friedrich/Brzeziński und Arendt. Die Bilder sind Folien eines Vortrages, den ich für Schülerinnen und Schüler des zweiten Abitursemensters, in Berlin an Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe ist dies das erste Halbjahr der Klasse 12, zum Thema "Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus" und im Wahlpflichtkurs PW der Klasse 10 in einem anderen Vortrag im Rahmen des Themas "Nationalsozialismus" hielt (Kontext hier). Weil meine Erläuterungen zu den Folien fehlen, ist das Ganze stark verkürzt, reicht aber aus, um die Unterschiede in den Ansätzen der Theorien zu illustrieren.

Zbigniew Brzeziński war nicht irgendwer, er war außenpolitischer Berater verschiedener US-Präsidenten und ein aggressiver Imperialist wie kaum ein Zweiter nach 1945, das hier aufzulisten sprengte den Rahmen, Sie können es hier bei Wikipedia nachlesen. Es ist kein Zufall, dass Brzeziński der Autor des 1997 erschienen Buches "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft" (Wikipedia) ist, der Originaltitel ist noch aufschlussreicher: "The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives". Bemerkenswert ist, dass Brzezinski schon damals exakt beschrieb, was wundersamerweise fünfzehn Jahre später in der Ukraine tatsächlich passierte.

Neben den ersten beiden Haken gab es mit Arendts Theorie ein drittes Problem und da kommt das Stichwort "Ukraine" recht passend. Hannah Arendt hat als wichtiges Element zur Etablierung totalitärer Herrschaft ein Bündnis zwischen Eliten und Mob herausgearbeitet, nachfolgend die diesbezüglich zentralen Aussagen.

»Der Mob setzt sich zusammen aus allen Deklassierten. In ihm sind alle Klassen der Gesellschaft vertreten. Er ist das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt. Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann. Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen.«
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. S. 188

»Zu der Abneigung der Elite für offizielle Geschichtsschreibung, zu ihrer Überzeugung, daß dieses gigantische Feld von Fälschungen sich noch am besten zum Spielplatz für Scharlatane eigne, trat die ungeheuer verführerische und demoralisierende Vorstellung von der Möglichkeit, Fälschungen und Lügen, wenn sie nur groß und kühn genug sind, als unbezweifelbare Tatsachen zu etablieren: Könnte es nicht sein, daß der Mensch die Freiheit hat, seine Vergangenheit willkürlich zu ändern? Könnte der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht einfach eine Sache der Macht sein und der Schlauheit, jederzeit korrigierbar durch Terror und Propaganda?«
ebd., S. 537

»Das beunruhigende Bündnis zwischen Mob und Elite, die merkwürdige Koinzidenz ihrer Überraschungen und Bestrebungen hatten ihren Ursprung in dem Umstand, daß innerhalb des Zerfalls des Nationalstaats und der Klassengesellschaft diese Schichten als erste sozial und politisch heimatlos geworden waren. Sie fanden so leicht, wenn auch nur vorübergehend, zueinander, weil sie beide fühlten, daß sie repräsentativ waren für das Schicksal der Zeit, daß große Massen hinter ihnen standen, die nach und mit ihnen den Weg in die Heimatlosigkeit würden antreten müssen, ja, daß früher oder später die europäischen Völker in ihrer Mehrheit mit ihnen gehen würden - bereit, wie sie meinten, ihre Revolution zu machen.«
ebd., S. 541., Hervorhebung wie im Original

Diese Analyse impliziert einerseits, dass die diversen Farben- und Jahreszeitrevolution der letzten Jahre, insbesondere der sogenannte "Euromaidan" in der Ukraine, einen totalitären Kern haben, und das um so mehr, wenn man das Resultat in Rechnung stellt, das sich in der Ukraine in einer starken, faschistischen Bewegung manifestiert, deren Vertreter bis in höchste Verwaltungs- und Regierungsämter aufrücken konnten. Aufschlussreich sind dieses wahrhaft groteske und auch dieses Beispiel. Andererseits braucht man die Protagonisten dieser, zumindest im Fall Ukraine nachweislich orchestrierten "Revolution" noch - sei es als spätere Wähler und Unterstützer des nachfolgenden resp. nunmehr derzeitigen Regimes, sei es als Söldner im Kampf gegen Russland -, weswegen es allein schon aus taktischen Gründen nicht angezeigt ist, sie als Mob zu deklarieren.

Was sich heute als "links" versteht, sich auch so bezeichnet und sich nicht im radikalen oder gar extremistischen Bereich des politischen Spektrums verorten lässt, ist ein buntes, meistens wenig strukturiertes Gemisch aus Klimakatastrophenprophet*innen und -bewegt*innen, Feminist*innen, Genderaktivist*innen, FCK-AfD-Aufklebertragend*innen und Freund*innen von Buntheit, Diversität, Vielfalt und Hedonismus (wobei sie letzteres natürlich nie zugestehen würden) - kurz: eine fröhliche Mischung aller Zaubertricks aus der liberalistisch-globalistisch-imperialistischen Wundertüte. (Ist es nicht eigentlich erst recht diskriminierend, wenn das *innen wie ein Mäuseschwanz am Wortstamm hängt?) Allen Vertretern dieser bunten Zunft gemeinsam ist eine ausgeprägte Theoriefeindlichkeit, woraus ein veritabler, von ihnen selbst selten bis nie als störend empfundener Mangel an Sachkenntnis in Verbindung mit einem Faible für kurze und simple Erklärungen - am besten in Form von plakatkompatiblen Schlagworten - resultiert. Denen kann man - bis auf wenige Ausnahmen - natürlich nicht mit Hannah Arendt kommen und so ergab es sich in der Folge, dass die Neulinken nach dem Ableben ihrer Utopie nach 1990 und ihre Kinder und Enkel im Geiste, die Generation Buntdiversevielfalt, Brzezińskis Version der Totalitarismustheorie adaptierten. Nun plappern praktische alle sich irgendwie "links" Fühlenden, sofern sie das Thema überhaupt tangiert, fröhlich die globalistisch-imperialistische Version aus der Zeit des Kalten Krieges zur Unterfütterung der Truman-Doktrin nach, die sich auch im Zweiten Kalten Krieg - so könnte resp. muss man die nach 2010 angebrochene Zeit wohl nennen - so hervorragend eignet, Staaten al gusto als totalitär, wenigsten aber autoritär auf der Feindliste zu platzieren. Brzezińskis Version ist ja auch so schön einfach, weswegen sie von Junglehrern, so das Thema überhaupt ventiliert wird, so gerne weitergegeben wird. Sie haben es im akademischen Bereich ja auch nicht anders gelernt, dieses Beispiel zum Thema War die DDR eine totalitäre Diktatur (Spoiler: ja, war sie, postuliert der Autor) soll an dieser Stelle genügen.

Was zu sagen bleibt - ich bin mir sicher, dass dieser zornige junge Mann sehr viel besser das Wesen das Totalitarismus verstand, als die sogenannten Neu-Linken und all jene, die (nicht nur) seinerzeit champagnersaufend in ihren vorgeblich linken und linksliberalen Schickeriazirkeln herumlungerten und die sich heute als Demokratieerklärer aufspielen, es jemals konnten. Er verstand sehr viel besser, was Totalitarismus heißt, als - freundlich formuliert - unangenehme Zeitgenossen wie der ehemalige KBW-Funktionär Ralf Fücks, die den Selbsthass auf ihre kommunistische Vergangenheit in perfides Russland-Bashing kanalisieren und sich nebenher als Ukrofaschisten-Versteher profilieren. Zur Erinnerung - der KBW war jener Verein, der im Dezember 1978 nach Kambodscha, das zu dieser Zeit "Demokratisches Kampuchea" hieß, reiste und dort in den Killing Fields der Roten Khmer den idealen Weg zum Kommunismus erblickte. [9 Hinweis] Dieser, zum Zeitpunkt des Auftritts vierundzwanzigjährige - er schrieb das Lied zwei Jahre vorher -, zornige junge Mann verstand den Totalitarismus natürlich sehr viel besser, als die buntdiversen Kinder und Enkel dieser "Linken" das je können werden.

Jegor Letow (hier eine Würdigung zu seinem Todestag), so heißt beziehungsweise hieß der junge Mann - er verstarb am 19. Februar 2008 -, und seine viel zu früh unter mysteriösen Umständen verstorbene Frau Janka Djagilewa - der Tag, an dem sie zuletzt gesehen wurde, der 9. Mai 1991, wurde als ihr Todestag festgelegt, nachdem ihr Leichnam am 17. Mai in der Inja treibend aufgefunden wurde - gelten als die zentralen Protagonisten der dissidentischen Musikszene in der späten Sowjetunion und des Sibirischen Underground. Sie sind bis heute Idol und Inspiration für zahllose junge Russen - und natürlich auch für ältere, welche die wilde Zeit des Zusammenbruchs der UdSSR und die Jahre des Chaos erlebten.

Тоталитаризм (Totalitarismus) - Jegor Letow mit seiner Band Гражданская оборона (Zivilverteidigung, Bürgerwehr) Auftritt auf dem Festival "СыРок-88" am 4. Dezember 1988, der Auftritt von Graschdanskaja Oborona war eigentlich nicht vorgesehen, Freunde "schmuggelten" GrOb als 23. und letzten Auftritt in die Liste. Bis zu Letows Auftritt war für die anwesenden Vertreter der Moskauer Kulturbehörden und des KGB, die das wilde Treiben beobachteten, die Veranstaltung zwar nicht schön, aber doch irgendwie in Ordnung - danach nicht mehr. Man wollte keine Lieder wie "Harakiri", "Nekrophilie" (auf die Parteikader bezogen), "KGB-Rock", "Horror und moralischer Terror" und eben "Totalitarismus" hören. Es gab keine weitere Veranstaltung des seit 1985 stattfindenden Festivals mehr und Letow war ein weiteres Mal mit seiner Frau Janka auf der Flucht vor dem KGB. Der komplette Auftritt mit Links zu den Texten hier: https://www.youtube.com/watch?v=9A3t20HgQ0o

Fußnoten und Quellen

[1] Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. R. Piper GmbH & Co. Verlag, München 1986
Originalausgabe: The Origins of Totalitarianism. Harcourt Brace Jovanovich, New York 1951
[2] Kongress für kulturelle Freiheit bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Kongress...
Manifest des Kongresses für kulturelle Freiheit, Berlin 30.06.1950 https://www.1000dokumente.de/...
CIA-Library: Origins of the Congress for Cultural Freedom https://www.cia.gov/library/center-for-the-study-of-intelligence/...
Der CCF und die CIA https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/...
[3] Joscha Schmierer bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Joscha_Schmierer
Rote Khmer bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Khmer
Pol Pot bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Pol_Pot
Enver Hoxha bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Enver_Hoxha
[4] Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. R. Piper GmbH & Co. Verlag, München 1987
Originalausgabe: On Violence. Harcourt Brace & World Inc., New York 1970
[5] Frantz Fanon bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Frantz_Fanon
Arendt zitiert hier aus Fanons Buch "Les damnés de la terre" aus dem Jahr 1961
[6] Fest, Joachim: Begegnungen: Über nahe und ferne Freunde. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004
[7] Hans Rößner bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/...#Nach_dem_Krieg
Welt-Artikel u.a. über Hans Rößner Das Lächeln der SS
[8] »Ich gehöre nicht in den Kreis der Philosophen. Mein Beruf - wenn man davon überhaupt noch sprechen kann - ist politische Theorie.« Skript Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus am 28.10.1964 https://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/arendt_hannah.html
[9] Ralf Fücks' und Marieluise Becks "Zentrum Liberale Moderne" https://libmod.de/