Sonntag, 25. Juni 2017
 

Das Elend des Liberalismus oder: Alles Nazis außer Mutti!

Einleitende Anmerkung: Der nachfolgende Text ist die Dokumentation einer kleinen Plauderei, in die ich mit Christoph Giesa geriet, einem Journalisten, der sich seiner Selbstdarstellung zufolge für liberal hält. Anlass war die seinerseitige Verlinkung eines Spiegel-Artikels, in dessen Teaser Giesa das kleine Kunststück fertigbrachte, Matussek und Tichy in die "Gedankenwelt" eines Höcke, der Reichsbürger, eines Breivik und der Attentäter von Köln und München zu stellen - und das mit nur 29 Worten.

In der nachfolgenden Plauderei tat Herr Giesa mir den Gefallen, passend zu diesem Beitrag https://www.facebook.com/call4will/posts/1680235668657440 exemplarisch vorzuführen, wie das konstruiert wird, was heute dämlicherweise "Fakenews" genannt wird. Dämlich deshalb, weil es längst dafür passende und die Sache besser beschreibende Begriffe gibt: Falschmeldung, der unbeabsichtigte und versehentliche Fehler beinhaltet, und Desinformation, der ein absichtsvolles und manipulatives Handeln, also Lügen, impliziert. Letzteres scheint hier der Fall zu sein, denn Herr Giesa hätte es besser wissen können und müssen.

Bleibt die Frage, warum einer, der sich für einen professionellen Journalisten hält, das tut. Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die schicken Hipsterbrillen und das wöchentliche Pfund Haargel bezahlt und die zum Verkauf feilgebotenen Traktätchen unter die Leute gebracht sein wollen. Eine andere Möglichkeit resultiert daraus, dass die Lohnschreiberei ein hartes Geschäft ist. Schließlich kann heute praktisch jeder ein Blog eröffnen und seine Meinung in die Welt tröten, was von den Lohnschreibern, die auf etwa demselben argumentativen und sprachlichen Niveau agieren und die es ohne den Bedarf an Zuarbeitern für die zahllosen Online-Redaktionen, also ohne das Internet, gar nicht gäbe, als lästige Konkurrenz wahrgenommen wird.

Eine dritte Möglichkeit ergibt sich aus der Tatsache, dass es in den letzten zwei Jahren, insbesondere in den sogenannten Leitmedien, üblich geworden ist, sich die Herrschaft über den Code anzumaßen, was von deren clamorous crowd, zu der auch die freiberuflichen Zuarbeiter gehören, als Legitimation zum gnadenlosen Pöbeln und Diffamieren verstanden wird, solange es in die "richtige", das heißt als politisch korrekt und damit opportun definierte Richtung geht. Davor ist mittlerweile selbst eine harmlose Lala-Veranstaltung wie der ESC nicht mehr sicher, wie ein beredtes Beispiel im Liveblog des Tagesspiegel zum ESC 2017 zeigt ("Artur" Zeitstempel 2017-05-13 23:42): http://tinyurl.com/tagesspiegel-liveblog-esc. Deshalb sind an dieser Stelle André Glucksmanns Erkenntnisse in Sachen Idiotie möglicherweise hilfreich:
"Jede Botschaft findet ihren Sinn in einem Code. Will man eine Botschaft interpretieren, so hat man zwei Möglichkeiten: man kann entweder das Gesagte selbst befragen oder aber die Art und Weise, wie es gesagt wird. Im ersten Fall wird auf den Gegenstand der Botschaft Bezug genommen, im zweiten Fall auf den sie strukturierenden Code. Die Dummheit stellt sich auf den ersten Standpunkt, den inhaltlichen, und fordert, daß die Wörter und die Dinge auf doppelt eindeutige Weise korrelieren. Die Idiotie richtet sich in der zweiten Möglichkeit ein, der metalinguistischen, wo der Code (als Metasprache) die Korrektheit der Botschaft überprüft. So verschieden auch die Codes beschaffen sein mögen, idiotisieren lassen sie sich alle, die einen mehr, die anderen weniger. [...] Der Dumme führt sich auf, als wäre er Herr über das Ding. Der Idiot, als wäre er Herr über den Code. Dem Dummen kann es passieren, daß er vom Hundertsten ins Tausendste gerät und, wie Bouvard und Pecuchet, in eine endlose Suche hineinschlittert. Der Idiot läßt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen; er urteilt, ohne selbst beurteilt zu werden; die Erfahrung kann ihm nichts anhaben, selbst wenn sie ihn zu widerlegen scheint, denn diese Widerlegungen sind ja auch zu interpretieren. Und wer soll dies tun? Wer, wenn nicht er? Die Idiotie ist ein höchstinstanzliches Gericht; in ihr findet die verunsicherte Dummheit ihre Daseinsbedingung, nämlich die sichere Ruhe."
(Glucksmann, André: Die Macht der Dummheit. Frankfurt a.M., Ullstein 1988)

Meine Plauderei mit Herrn Giesa

Christoph Giesa am 3. Mai 2017 um 07:21
Eine Masterarbeit wie zusammenkopiert aus Höcke-Reden, Reichsbürger-Foren, Matussek-Facebookposts und Tichy-Artikeln. Und genau die Gedankenwelt, die man auch schon bei Breivik und den Attentätern von Köln und München finden konnte.

Darunter die Verlinkung auf einen Artikel auf Spiegel Online: http://www.spiegel.de/.../gedankenwelt-des-franco...

Neidthard Kupfer am 3. Mai 2017 um 19:31
Matussek und Tichy mit nur 29 Worten in einen, nun ja, Kontext mit Höcke, den Reichsbürgern - in toto natürlich -, Breivik und den Attentätern von Köln und München zu quetschen, ist eine durchaus bemerkenswerte Leistung, irgendwie. Darf resp. soll das als Ausdruck einer sachlichen, differenzierenden Sichweise verstanden werden?
Statt eines Icons: *Einmal mehr irritiert vom Stand des Diskurses*

Christoph Giesa am 3. Mai 2017 um 22:02
Da haben die sich doch selbst hingerückt. Ich bin ja nicht für deren Äußerungen verantwortlich.

Neidthard Kupfer am 3. Mai 2017 um 23:29
Nein, Herr Giesa, weder Matussek noch Tichy haben sich je in einer Weise geäußert, die auch nur annähernd die Annahme rechtfertigt, sie stünden in einer geistigen Nähe zu Höcke oder den sogenannten resp. selbsternannten Reichsbürgern, was - nebenbei bemerkt - nicht zuletzt und speziell im Fall Höcke auch eine Frage der Intelligenz und sprachlichen Eloquenz ist. Ihr Teaser zu dem Eintrag ist reine Polemik, die allein deshalb, nun ja, denkwürdig ist, weil Tichy in der fraglichen Zeit noch Chefredakteur und Autor der "Wirtschaftswoche" war. Oder meinen Sie vielleicht, der Herr Oberleutnant hat sich von nämlichem Blatt zu seinen rassistischen Tiraden inspirieren lassen?
Ich kann keinen Sinn darin erkennen, jene - und das offensichtlich nur, weil sie unbequem sind -, die sich kritisch, streitbar, hin und wieder auch unangemessen (Matussek), aber im Rahmen der demokratischen Werte und Streitkultur (ich weiß, der Begriff ist aus der Mode gekommen) bewegen, zu jenen in den sprichwörtlichen Topf zu werfen, die sich nie in selbigem befanden und den Boden des Grundgesetzes längst verlassen haben, wenn sie je auf ihm standen. Nach meiner Sicht der Dinge schaufeln Sie mit solchen Polemiken an demselben Graben, der die Gesellschaft spaltet und damit den Diskurs nahezu lähmt und an dessen gegenüberliegender Seite Höcke schaufelt.

Christoph Giesa am 4. Mai 2017 um 09:53
Sie sind da nicht ganz auf der Höhe. Matussek musste letztes Jahr gerichtlich verschiedene antisemitische Beleidigungen verboten bekommen. Zuvor hat er außerdem Seiten verbreitet, auf denen unter anderem behauptet wurde, dass die Juden den Holocaust selbst organisiert und finanziert haben. Tichy und die Achse des Guten lassen ihn trotzdem für sich schreiben, genauso wie andere neurechte Verschwörungstheoretiker.

Neidthard Kupfer am 4. Mai 2017 um 23:52
Ah, da ist er ja, der Herr Broder! Ich befürchtete schon, Sie könnten ihn vergessen. Aber der Reihe nach, zunächst zur Causa Matussek. Ja, da war etwas in der Kombination Matussek und Antisemitismus, allerdings nicht so, wie Sie es hier darstellen, denn ihm mussten mitnichten "gerichtlich verschiedene antisemitische Beleidigungen verboten bekommen" werden. Es war vielmehr so, dass er sich vor Gericht dafür verantworten musste, eine dritte Person als Antisemiten bezeichnet zu haben, was dann in einer Unterlassungserklärung Matusseks mit nachfolgendem Gütetermin endete. Matussek wurden also nicht "gerichtlich verschiedene antisemitische Beleidigungen verboten", sondern die Bezeichnung eines Kollegen als Antisemiten. Das ist zwar ein auf den ersten Blick kleiner, in der Sache aber entscheidender Unterschied und eigentlich sollten gerade Sie das wissen.
http://meedia.de/.../antisemit-geldgieriger-zwerg-irrer.../
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23503

Das dazu - und Sie legen nach, er habe "Seiten verbreitet, auf denen unter anderem behauptet wurde, dass die Juden den Holocaust selbst organisiert und finanziert haben". Welche Seiten und was bedeutet "verbreiten"? Hat er die ausgedruckt und an Bushaltestellen ausgelegt? Hat er selbst Netzseiten gehostet oder von Internetdienstleistern hosten lassen? Hat er auf solche Seiten verlinkt und falls ja, in welchem Kontext? Die wichtigste Frage aber ist folgende: Die Kollegenbeschimpfung endete für ihn vor Gericht, ebenso, wie die alberne Causa Krömer vs. Matussek, aber DAS, eine veritable, eindeutige und wiederholte ("SeiteN") Volksverhetzung nach § 130 StGB, ein Offizialdelikt obendrein, das von Amts wegen zu verfolgen ist, bleibt für Herrn Matussek so ganz ohne Folgen? Halten Sie Ihre Leser für blöd? Keiner, wirklich niemand, der mehr als nur eine Dreivoltbatterie zur Beleuchtung seines Oberstübchens zur Verfügung hat, kann das für plausibel halten, zumal sich kein einziger Hinweis im Netz dazu findet - auch nicht in ihren, über die Jahre verfassten Texten, in denen Sie sich ausführlich zu Matussek äußern.

Das dazu, noch ein paar Worte zu Ihrer Behauptung, Tichy und Broder ließen neurechte Verschwörungstheoretiker für sich schreiben. Wen meinen Sie? (Ich bitte Sie, mir die Ausführlichkeit nachzusehen, sie soll die Absurdität Ihrer Behauptung veranschaulichen.) Bei Tichy vielleicht Imad Karim, Regisseur und Fernsehjournalist für ARD, ZDF, 3Sat, Phoenix und alle dritten Programme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder Kristina Schröder, MdB, CDU-Landesvorstand Hessen, ehem. Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend oder vielleicht Ismail Tipi, MdL Hessen, integrationspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Hessen, Vorsitzender des Landesfachausschusses "Integration und Migration" der hessischen CDU? Oder meinen Sie Rafael Seligmann, Politologe, Schriftsteller, Publizist, Vorstandsmitglied "GesichtZeigen! Für ein weltoffenes Deutschland" oder Bettina Röhl, Journalistin, Autorin, Tochter von Ulrike Meinhof Klaus Rainer Röhl? Ist es Wolfgang Herles, Journalist, Schriftsteller, vierzig Jahre Fernsehautor und Moderator im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, darunter zehn Jahre Redaktionsleiter des Kulturmagazins aspekte oder Hugo Müller-Vogg, Journalist, Buchautor, Publizist, 1988 bis 2001 Mitherausgeber der FAZ oder Fritz Goergen, ehem. Bundesgeschäftsführer der FDP, langjähriger Vorsitzender der Geschäftsführung und Geschäftsführender Vorstand der Friedrich-Naumann-Stiftung vielleicht? Kann es sein, dass Sie Ingrid Ansari, Autorin, vierzig Jahre am Goethe-Institut mit Schwerpunkt "Deutsch als Fremdsprache" oder Vera Lengsfeld, Politikerin und Publizistin, Bürgerrechtlerin, 1990 bis 2005 MdB, 2008 Bundesverdienstkreuz am Bande oder Sharon Oppenheimer, israelische Autorin und Filmemacherin oder Philipp Bagus, Professor für soziale und juristische Studien an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid meinen?
Die ganze Liste hier: https://www.tichyseinblick.de/autoren/
Meinen Sie bei Broder vielleicht eine dieser Personen: Vera Lengsfeld, Oswald Metzger, Sibylle Berg, Wolf Biermann, Maxi Biewer, Mathias Döpfner, Wiglaf Droste, Vince Ebert, Jan Fleischhauer, Josef Joffe, Matthias Horx, Freya Klier, Cora Stephan, Lutz Rathenow, Hans-Hermann Tiedje, Rainer Trampert, Arnold Vaatz, Wahied Wahdat-Hagh, Benjamin Weinthal, Leon de Winter oder Michael Wolffsohn?
Die ganze Liste hier: http://www.achgut.com/autoren

Fällt Ihnen etwas auf? OK, das war eine blöde Frage - natürlich nicht, sonst würden Sie sich anders äußern. Für mich als Beobachter repräsentieren die o.a. Namen und jene, mit welchen Sie z.B. auf "Starke Meinungen" stehen (das, nebenbei bemerkt, kein rechtskonformes Impressum hat), zwei Seiten der Medaille, die Liberalismus heißt - Sie und Ihre Mitstreiter als links-liberale Seite, die obigen als liberal-konservative, bei Broder mit etlichen links-liberalen Vertretern. Was mich ratlos macht und zu solchen Tapeten veranlasst ist die Frage, wann diese tiefe Spaltung eintrat, was diesen unversöhnlichen, oft verbittert und streckenweise hasserfüllt geführten Streit verursacht hat, die den gesellschaftlichen Diskurs unserer eigentlich liberalen Gesellschaft bis zum de facto Stillstand lähmen.

Sei's drum, um ein etwaiges Missverständnis zu vermeiden - ich habe nicht vor, Sie oder Ihre Liker zu missionieren oder auch nur zu überzeugen, wovon auch immer. Für mich ist unsere kleine Plauderei eine Ergänzung zu einer kürzlich veröffentlichten, längeren Erörterung meiner Ratlosigkeit in meinem FB-Profil, die meine dort geschilderten Eindrücke illustriert und als solche werde ich sie auch benutzen.
Abschließend sei mir noch eine Anmerkung gestattet. Sie sind offensichtlich auf Matussek fixiert. Ich denke, ich gehe recht in der Annahme, dass die Situation eskalierte, als Matussek sich im November 2014 in eine Auseinandersetzung Ihrerseits mit Klonovsky einmischte und Sie in der Folge als Antisemiten bezeichnete. So verständlich und menschlich Ihre Aversion ist - Sie sind befangen und diese Befangenheit resp. Aversion in Ihrer Arbeit nicht unter Kontrolle zu haben, ist unprofessionell und letztlich im Ergebnis unseriös. Falls einer von den Beteiligten - Sie eingeschlossen - glaubt, seine Polemiken gingen wie die berühmte Kontroverse Heine vs. Börne als Meisterstück in die Literaturgeschichte ein, muss ich sie alle jetzt schon enttäuschen - nein, das werden sie nicht. Wenn überhaupt wird das Ganze in Gestalt einer Fußnote als peinliche Posse aus einer verrückten Zeit ohne Utopien in die Geschichte eingehen. Was unter anderem daran liegt, dass allen Beteiligten die sprichwörtlichen Schuhe der nämlichen Herren etliche Nummern zu groß sind, oder anders - sie alle zuzüglich fünf der oben genannten Damen und Herren passen alle zusammen in Heines linken Schuh.

Die Diskussion finden Sie hier: https://www.facebook.com/christoph.giesa/...
Für den Fall einer Löschung habe ich hier einen Screenshot abgelegt.