Mittwoch, 13. Dezember 2017
 

Heimkehr - Erinnerungen meines Vaters (Auszug)

Ich fand vor einiger Zeit im Nachlass meines Vaters diese Dokumente, ich denke, es gibt nicht mehr viele davon. Das sind seine Entlassungsscheine aus der Kriegsgefangenschaft in russischer und deutscher Sprache, die während der reise zugleich als Ausweispapiere galten. Ich überzeugte (oder überredete) meinen Vater vor Jahren, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben, was ihn dann, als er sich 2003 dazu entschloss, dazu brachte, sich mit 75 Jahren seinen ersten Computer, ein Medion-Notebook, zu kaufen (das Gerät läuft übrigens heute noch ohne Probleme mit einer verblüffenden Akkulaufzeit von 2,5 Stunden). Ich habe in meinen Notizen eine Auszug aus den Erinnerungen gepostet, der Entlassung und Heimreise beschreibt.

Das Entlassungslager war sehr groß, es waren wohl 5 bis 6 Unterkunftsbaracken vorhanden, eine Küchenbaracke, Waschräume und eine Kulturbaracke mit Bühne. Ich habe diese Kulturbaracke auch besucht, Gefangene haben versucht eine Operette aufzuführen, ich glaube es war der Zigeunerbaron. Dort sah ich, dass auch Frauen als Kriegsgefangene in diesem Lager waren. Ich wurde einer Baracke zugeteilt, musste aber selbst sehen, wo ich auf den Pritschen einen Schlafplatz fand. Die Gefangenen, die schon länger in diesem Lager waren fragten, wo wir herkommen und warum wir eingewiesen wurden. Ich sagte ihnen, dass wir nach Hause geschickt werden. Daraufhin lachten sie und sagten: "Erst sind wir an der Reihe, wir sind schon seit einem halben Jahr hier und warten darauf, entlassen zu werden." Das war wieder eine herbe Enttäuschung, die Hoffnung schwand wieder. Diese Lager waren nicht sehr angenehm, und mir graute davor hier längere Zeit zu sein. Die Tage vergingen sehr langsam, wir wurden nicht zur Arbeit eingeteilt, es geschah nichts. Die Hoffnung nun endlich nach Hause zu kommen schwand wieder. Eines Tages, es muss so um den 16. April gewesen sein, wurden Namenslisten ausgelegt. Man musste nun suchen, ob man dabei war. Gott sei Dank fand ich meinen Namen. Da stand deutlich: "Rudi, Wilhelm Kupfer, Burgkemnitz, 27." Der Vor- und Vatersname, der Familienname, Wohnort und Geburtsjahr. Bereits am nächsten Tag mussten wir im Hof antreten, am Tor standen russische Offiziere, sie riefen den Familiennamen auf, und man musste vortreten und den Vor-, Vatersnamen, Wohnort und das Geburtsjahr sagen. Wenn das mit der Liste übereinstimmte konnte man durch das Tor gehen und draußen wieder antreten. Jetzt erschienen mir die Minuten wie Stunden, es ging alles sehr langsam. Endlich setzten wir uns in Bewegung, ohne Bewachung, ein russischer Offizier lief am Anfang. Wir marschierten zum Bahnhof, dort stand ein Zug mit Güterwaggons, ich wurde einem Waggon zugeteilt, ich weiß nicht mehr wie viele sich einen Waggon teilen mussten. Es war uns auch gleichgültig, es konnte ja nur noch Tage dauern. Vor den Waggons lag Stroh und wir holten uns etwas davon als Lagerstätte. Diesmal wurden die Türen nicht verriegelt.

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung, Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob wir Unterwegs Essen bekommen haben, ich glaube nicht. Am 21. April kam der Zug im Entlassungslager in Frankfurt an der Oder an. Ich konnte es kaum fassen, es sollte Wirklichkeit werden, dass ich nach Hause komme und das Leben neu beginnen kann. Fast 5 Jahre meines Lebens waren für mich nutzlos vergangen. Vielleicht nicht ganz, die Kriegsgefangenschaft war eine harte Schule, sie hat geformt und in gewisser Weise dazu beigetragen sich an Enttäuschungen und Niederlagen zu gewöhnen und sie problemlos zu verdauen. Allerdings hat sie auch dazu geführt, dass man misstrauischer und vielleicht auch rücksichtsloser wurde. [...]

Den ganzen Tag am 22. April blieben wir noch im Lager, ein Sammeltransport mit der Bahn nach Berlin sollte am Abend abgehen. Von Berlin sollte jeder dann in seinen Heimatort fahren können, jeder durfte ein Telegramm nach Hause schicken. […] Am späten Abend stand ein Personenzug bereit, mit dem wir nach Berlin fuhren. In der Nacht waren wir dort. Ich glaube, wir kamen damals auf dem Ostbahnhof an und ich musste zum Anhalter Bahnhof um in Richtung Halle zu fahren. Es war dunkel, Berlin war noch voller Ruinen, die Bahnhöfe in einen schlimmen Zustand. Auf jeden Fall erreichte ich irgendwie den Bahnhof, von dem mein Zug nach Hause fuhr. Es war am Morgen des 23. April. Von dieser Nacht in Berlin habe ich nur noch bruchstückhafte und konfuse Erinnerungen. […] Endlich stand kam der Personenzug nach Halle, der über Muldenstein, dem Bahnhof fuhr, wo ich aussteigen musste. Der Zug setzte sich in Bewegung und es begann ein Gefühl in mir, welches ich nicht richtig beschreiben kann. Eine Mischung von Unruhe, Erwartung, Unsicherheit und Angst vor dem was mich erwartet. Ich hatte zwar einen Sitzplatz, der Zug war nicht sehr voll, aber ich stand fast die ganze Zeit am Fenster und ließ die Eindrücke an mir vorüberziehen. [...]

Der Zug hielt in Burgkemnitz, hier war auf dem Friedhof die Urne von Willi, einem Bruder von mir beigesetzt. Auf der linken Seite konnte ich durch die Bäume das Schloss von Burgkemnitz erkennen, das dem "Baron von Bodenhausen" gehörte. Hierher hatten wir als Kinder 2 oder 3 Mal Ausflüge mit der Schulklasse zum Wandertag gemacht. Ich stellte mir nun schon den wunderschönen Kiefernwald vor, der an unserem Haus stand. In diesem Wald hatte ich meine Kindheit verbracht, gespielt und Buden gebaut. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte erfasste mich eine Unruhe, die nächste Station war Muldenstein, bis dorthin waren es etwa 6 Bahnkilometer, dort musste ich aussteigen. Auf der linken Seite in Fahrtrichtung verfolgte ich mit meinen Augen den Weg, der im Wald parallel zur Bahnlinie verlief. Diesen Weg bin ich viele Male gelaufen oder mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ihn mit geschlossenen Augen hätte gehen können. In meinem Kopf erinnerte ich mich an jedes Detail. Jetzt kam die Schranke wo der Weg über die Bahnlinie führte um dann an der rechten Seite zu verlaufen. An der Schranke standen ein Bahnwärterhaus und ein Wohnhaus, das zur Bahn gehörte. Hier wohnte ein Freund von meinem Bruder Horst, Hans Heine. Später dann ein Schüler, der in meine Klasse ging, Karl Franke. Hier ging auch der Weg weiter zu dem Badeteich im Wald, eine alte Tongrube, in der wir im Sommer meistens gebadet haben. Ich ging zur rechten Fensterseite und konnte es nicht fassen - unser schöner Kiefernwald mit seinen hohen Bäumen war verschwunden. Nur noch etwas Gestrüpp war vorhanden. Dann kam der Teich ich drückte förmlich mein Gesicht an die Scheibe, jetzt sah ich das Haus, in dem meine Eltern wohnten. Der Zug bremste langsam ab und hielt auf dem Bahnhof Muldenstein. Ich war in Berlin in den vorderen Teil des Zuges eingestiegen. Als ich ausstieg sah ich eine Frau aus dem hinteren Teil des Zuges aussteigen, sie wurde von einer älteren Frau mit einem Kind erwartet. Wie ein Blitz schoss es durch meinen Kopf, das sind meine Mutter, meine Schwester Ilse und ihr Sohn Rainer, den ich noch nicht gesehen hatte. Sie bemerkten mich nicht und liefen los. Als sie dann auf den Weg nach rechts in die Richtung unseres Hauses einbogen, drehte sich Rainer um und rief: "Da kommt Onkel Rudi!" Jetzt drehten sich auch Ilse und meine Mutter um. Die Gefühle in diesem Augenblick kann man nicht beschreiben. Ilse hatte bei Bauern versucht etwas zum Essen zu bekommen, und kam gerade mit dem gleichen Zug zurück. Wir umarmten uns, meiner Mutter kamen Tränen, nun gingen wir zusammen nach Hause. Es war Sonnabend der 23 April 1949 gegen Mittag, ich war wieder zu Hause.