Mittwoch, 23. August 2017
 

Arthur Koestler
Gestalter und Zeuge in bewegter Zeit

Arthur Koestlers 1946 erschienenes Werk Thieves in the Night (Diebe in der Nacht) ist ein Meisterstück politischer Belletristik und ist - zusammen mit Leon Uris' gut zehn Jahre später erschienenen Exodus der international meistverkaufte zionistische Roman. Das Buch war und ist ebenso erfolgreich wie umstritten - und das ist typisch für den Menschen Arthur Koestler und sein Werk.

Für Eigenschaften wie Mäßigung und Ausgewogenheit hatte er stets nur, je nach Sachlage, milden bis beißenden Spott übrig, sie waren ihm Laster, nie Tugenden gewesen. Sein Charakter, aber auch politisches Kalkül, ließen ihn Zeit seines Lebens zu Provokation, Radikalität und Kompromisslosigkeit neigen. Diese Eigenschaften zeigten sich zum Beispiel in seinem Engagement für die zionistischen "Revisionisten" unter Wladimir Jabotinsky in den 20er Jahren, in seinem Streit für den Kommunismus und gegen den Stalinismus und in seiner waghalsigen Spionagetätigkeit im Spanischen Bürgerkrieg (wofür er zum Tode verurteilt wurde). Sie zeigten sich in seiner öffentlich bekundeten Sympathie für Menachem Begins "Irgun", in seiner aufsehenerregenden Berichterstattung aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg und in seinem Engagement gegen die Todesstrafe. Nicht zuletzt zeigen sie sich - Koestler gilt als Vorkämpfer der Neuen Wissenschaft, deren bekannteste Vertreter heute Ken Wilber und Rupert Sheldrake sind - in seinem oft belächelten Kampf für die Anerkennung der Parapsychologie als Wissenschaft.

Mit seinem Roman Sonnenfinsternis, der 1940 zunächst in London unter dem Titel Darkness at Noon erschien, hat Arthur Koestler ein ganz eigen- und einzigartiges politisches Gleichnisses niedergeschrieben, das einer damals noch weitgehend ahnungslosen Öffentlichkeit die erste stalinistische Säuberungswelle von 1936 bis 1938 in großer Eindringlichkeit vor Augen führte. Doch der Roman fand zunächst nur schwer ein Publikum, die erste Auflage, ganze tausend Exemplare, verkaufte sich schlecht und der Autor saß - eine durchaus kafkaeske Situation - in Frankreich als politischer Häftling im Gefängnis. Der Erfolg des Buches kommt erst mit der französischen Übersetzung Le Zéro et l'Infini nach Kriegsende und das Buch gerät zur Anklage gegen die Politik der Kommunisten in der Nachkriegszeit, weil es von einem Insider des Systems in authentischer Parteisprache geschrieben und deshalb nicht als "bourgeoises Machwerk" abzutun ist. Die Kommunisten versuchen ohne Erfolg, den Verleger einzuschüchtern, sie kaufen ganze Lagerbestände von Buchläden auf und vernichten sie. Die nächste Auflage versucht man propagandistisch zu vernichten, Buch und Verfasser werden auf Versammlungen und in der Presse angegriffen und in Deutschland wurde Koestler von niemand Geringerem als Ernst Bloch, übrigens schon 1942, ins Visier genommen: "Darkness at Noon" habe "die neue Literaturgattung des Verrats" eröffnet, befand Bloch, womit er eine neue Kampagne gegen das "Renegatentum" lostrat - eine denkbar schlechte Voraussetzung für eine freie Debatte über politische Verantwortung, über die Phänomene "Geständnis" und Schauprozess.

Mit solchen Angriffen wird Koestler über seinen Tod hinaus verfolgt, 1998 erschien ein als Biographie deklariertes Buch von David Cesarani mit dem Titel "Arthur Koestler: The Homeless Mind", indem der Autor meint, u.a. aus "Dokumenten" der berüchtigten "Spezialarchive" des KGB, zu denen er Zugang erhielt (womit man sich ansonsten und besonders im Falle seriöser Historiker in Rußland auch heute noch verdammt schwer tut) eine trübe Mischung aus Spekulationen über etwaige homoerotische Neigungen Koestlers, aus schlichten Behauptungen hinsichtlich des gemeinsamen Freitodes des Ehepaars Koestler, aus Schnurren über Koestlers zeitweise exzessiven Alkoholge- bzw. -mißbrauch und aus seinen angeblichen Ambitionen als, wie man das heute zu nennen beliebt, "womanizer", was schlußendlich - man ahnte es schon - im Vorwurf eines Falls von Vergewaltigung gipfelt, wofür der Autor allerdings alles, was einem Beweis gleichkäme, schuldig bleibt, dafür allerhand Gerüchte aus den Kellern sowjetkommunistischer Archive liefert. (So en passant stellt Cesarani noch die Behauptung auf, Arthur Koestler habe in seiner Lebensmitte mit Judentum und Zionismus gebrochen. Das ist jedoch frei erfunden, Eretz Israel war ein Leitmotiv in Koestlers Leben. Der Zionismus war seine – so wie er es ausdrückte – "premier amour", zu der er immer wieder zurückkehre.)

Am Morgen des 27. Januar 1947 machte sich Richter Ralph Windham wie gewohnt auf seinen Weg zum Gerichtshof, der sich auf der Yehuda Ha-Levi-Straße in Tel Aviv befand. Um die Mittagszeit, während Windham einer Verhandlung vorsaß, stürmten Bewaffnete in den Gerichtssaal, ergriffen den Richter, warfen ihn in ein wartendes Auto und brachten ihn in ein sicheres Haus. Die Entführer gehörten Menachem Begins "Irgun" an. Ziel war es, die Hinrichtung ihres Mitglieds Dov Gruner zu verhindern. Während seiner Haft erhielt der Richter nicht nur Verpflegung und Zigaretten, er wurde auch mit Literatur versorgt: Ein "Irgun"-Offizier lieh ihm sein Exemplar des Romans Diebe in der Nacht von Arthur Koestler. Das Buch gefiel dem Richter offenbar so sehr, dass er "vergaß" es bei seiner Entlassung aus der Gefangenschaft zurückzugeben. Jahre später versicherte Windham einer verdutzten Golda Meir, dass er alles Wissenswerte über den Zionismus aus Koestlers Roman erfahren habe.
Christian G. Buckard in Illustrierte Neue Welt, Ausgabe Rosch Haschana 5763 (Aug./Sep. 2002)

Neben den Romanen von George R. Orwell und Alexander R. Solschenizyns Werken über das sowjetische Gulag-System ist Sonnenfinsternis zu einem der berühmtesten belletristischen Werke nicht nur über den Stalinismus, sondern über totalitäre Machtmechanismen allgemein geworden - und zu einer ideologischen Waffe im Kalten Krieg. Es gibt wohl kaum andere Werke des 20. Jahrhunderts, die eine größere politische Wirkung entfaltet haben als dieses, in mehr als 30 Sprachen übersetzte Buch. Zu dieser Wirkung trug natürlich auch das fortgesetzte, politische und publizistische Engagement Arthur Koestlers bei.

Es ist das groteske Schicksal des Mannes N. S. Rubaschow, der im Glauben an das Gute Freunde verraten hat und über Leichen gegangen ist und der dann selbst, in einer absurden Spirale, verhaftet wird, vom Peiniger zum Gepeinigten wird und schliesslich ein falsches "Geständnis" ablegt, um so der "Partei", will heissen: einer menschenverachtenden und aufs Letzte abzielenden Geschichtsphilosophie, noch ein letztes Opfer zu bringen. Doch sind das zusammenfassende Sätze, die den literarischen Sog dieses Romans schlecht wiedergeben. Denn Koestler hat alles andere als eine blutleere Parabel vom verratenen Verräter geschrieben. Er sitzt mit Rubaschow in der Zelle und berichtet gleichsam aus der Perspektive eines dritten Ohrs, eines parallel geschalteten Nervengeflechts. Er hört mit ihm das Tropfen des Kondenswassers, zählt die Schritte auf dem Korridor, übersetzt die Klopfbotschaften von geheimnisvollen Mithäftlingen, mutmasst über die Folterungen von Nr. 407. [...] Diese paranoide Aura, diese Seelenzerwürfnisse darzustellen, ist Koestler auf bleibend beängstigende Weise gelungen. Sich selbst hat er damit schwierigen Ruhm eingehandelt. Man liebe den Verrat, aber nicht die Verräter, soll er dazu notiert haben.
Ursula Pia Jauch über "Sonnenfinsternis"

Kurzbiografie und Werkverzeichnis

  • geboren am 5. September 1905 in Budapest.
  • 1919 Übersiedlung nach Wien, Studium der Naturwissenschaften in Wien.
  • 1924 Koestler lernt Jabotinsky in Wien kennen.
  • Mai 1926 Ankunft in Palästina
  • Ab 1926 Auslandskorrespondent der "Vossischen Zeitung" und des Ullstein-Verlages sowie für verschiedene europäische Zeitungen, u. a. im Nahen Osten, in Paris, in Rußland und Spanien.
  • 1931 Teilnahme an der Polarexpedition der "Graf Zeppelin", Eintritt in die KPD.
  • 1932/1933 die Sowjetunion und arbeitete auch da.
  • Ab Ende 1933 Mitarbeiter Willi Münzenbergs in Paris bei der Organisation der kommunistische Exilpresse.
  • 1937 Als Berichterstatter des englischen "New Chronicle" von den Putschisten in Spanien gefangen genommen, zum Tode verurteilt, jedoch nach vier Monaten Haft (durch britische Intervention) ausgetauscht. Seine Hafterlebnisse hielt er in seinem Buch "Spanisches Testament" (1937) fest.
  • 1938 Rückkehr nach Paris. Die Stalinschen Schauprozesse veranlassten ihn zum Bruch mit dem Kommunismus, Austritt aus der KPD.
  • 1938 Ein spanisches Testament
  • 1939 Internierung im Lager Le Vernet, Dienst in der Fremdenlegion.
  • 1939 Gladiators (dt. Die Gladiatoren)
  • 1940 über Marseille, Oran, Casablanca, Lissabon nach Großbritannien, freiwillger Dienst in der britischen Armee. Koestler schreibt seit 1940 nur noch in englischer Sprache.
  • 1940 Darkness at Noon (dt. Sonnenfinsternis)
  • 1941 Scum of the Earth (dt. Abschaum der Erde)
  • 1943 Arrival and Departure (dt. Ein Mann springt in die Tiefe)
  • 1945 The Yogi and the Commissar (dt. Der Yogi und der Kommissar), Twilight Bar
  • 1946 Thieves in the Night (dt. Diebe in der Nacht)
  • Ab 1947 Reisen und längere Aufenthalte in Frankreich und in den USA.
  • 1948 wird Koestler britischer Staatsbürger und lebt als freier Schriftsteller in London. Er widmete sich zunehmend der Forschung auf dem Gebiet der Parapsychologie und der Neuen Wissenschaft, als einer ihrer Begründer er heute gilt. Wichtigste Werke: Die Wurzeln des Zufalls und Der Mensch - Irrläufer der Evolution.
  • 1949 Promise and Fulfilment: Palestine 1917-1948, The Structure of a Miracle, The God that Failed (dt. Ein Gott, der keiner war), Insight and Outlook
  • 1953 Arrow in the Blue (dt. Der Pfeil ins Blaue), The Invisible Writing (dt. Die Geheimschrift)
  • 1955 The Trail of the Dinosaur
  • 1956 Reflections on Hanging
  • 1959 The Sleepwalkers (dt. Die Nachtwandler)
  • 1960 The Lotus and the Robot (dt. Von Heiligen und Automaten)
  • 1964 The Act of Creation (dt. Der göttliche Funke)
  • 1968 The Ghost in the Machine (dt. Das Gespenst in der Maschine)
  • 1971 The Case of the Midwife Toad (dt. Der Krötenküsser. Der Fall des Biologen Paul Kammerer)
  • 1972 The Call Girls (dt. Die Herren Callgirls), The Roots of Coincidence (dt. Die Wurzeln des Zufalls}
  • 1977 The thirteenth Tribe (dt. Der dreizehnte Stamm)
  • 1978 Janus (dt. Der Mensch, Irrläufer der Evolution)
  • Am 3. März 1983 gemeinsamer Freitod mit seiner Frau Cynthia in London.

Wenige Tage nachdem man den weltberühmten Schriftsteller und Journalisten Arthur Koestler zusammen mit seiner Ehefrau Cynthia in der gemeinsamen Londoner Wohnung am Montpellier Square aufgefunden hatte, gab Saul Jecies im Namen des "Alte Herren Verbands der Jüdisch Akademischen Verbindung Unitas" bekannt, dass unser geliebter alter Herr Arthur Koestler plötzlich verschieden ist. Wir werden ihn nie vergessen. Fiducit. Dies ist der wohl passendste Nachruf, der nach dem Freitod des Juden und Zionisten Arthur Koestler erschienen ist.
Christian G. Buckard in Illustrierte Neue Welt, Ausgabe Rosch Haschana 5763 (Aug./Sep. 2002)

[geschrieben 10/2004]